Wieso interpretieren wir so viel in Textnachrichten hinein?

Nie war zwischenmenschliche Kommunikation so schnell und einfach möglich wie heute. Doch insbesondere Textnachrichten bringen auch so ihre Tücken mit sich.

Hast du auch schon mal Textnachrichten eines Dates an deine Freund:innen weitergeleitet, um sie zu fragen, wie sie die Nachricht interpretieren? Dann: Willkommen im Club. Die Male, die ich mir „Interpretationsnachhilfe“ geholt habe, lassen sich an zwei Händen längst nicht mehr abzählen. Ob mir das irgendwie geholfen hat, meine Freund:innen zu fragen, wie eine bestimmte Nachricht wohl gemeint sein könnte? Nein. Aber es hat mich verdammt viel freie Zeit und noch dazu eine ganze Menge Nerven gekostet, herauszufinden, was das, was da steht, jetzt zu bedeuten haben könnte. Abgesehen von dem, was dort steht, meine ich. 

Ich persönlich bin ja Meister:in der Interpretationen.

Nicht, dass ich besonders gut interpretieren könnte, nein, nein. Ich interpretiere einfach besonders viel. Nicht nur in Bezug auf Textnachrichten, sondern zum Beispiel auch Tonfälle. Wenn meine Lieblingskollegin mir an einem Tag zum Beispiel in einem anderen Tonfall „Hallo!“ sagt als für gewöhnlich, gehe ich schon mal davon aus, dass sie mich plötzlich hasst. Und wir ab sofort keine Freund:innen mehr sein können. Gut, so schlimm wird es vermutlich bei den wenigsten sein. Doch ihr wisst, worauf ich hinauswill: Bedeutungen in einzelne Sätze oder Worte zu interpretieren, ist ganz schön anstrengend. Bei Textnachrichten, wo uns auch noch der Tonfall fehlt, sogar noch mehr als wenn wir face to face miteinander sprechen.  

Doch woher kommt dieser Zwang, in alles etwas hineininterpretieren zu wollen?

Dass unsere Deutschlehrer, die uns früher dazu gezwungen haben, in blau gestrichene Fensterrahmen eine schwere Depression des Autors hineinzuinterpretieren, einen solch nachhaltigen Einfluss auf uns hatten, wage ich zu bestreiten. Und doch fragen wir uns, was es wohl bedeuten könnte, wenn eine Antwort unseres Gegenübers außergewöhnlich kurz ausfällt.  

(Spoiler: Vermutlich ist er*sie gerade einfach zu beschäftigt, um eine ausführliche Antwort ins Handy zu tippen. Das hält unser Gehirn aber trotzdem nicht davon ab, sich Horrorszenarien auszumachen, dass er:sie eine:n Anderen hat und uns nicht mehr mag.)

Wieso interpretieren wir Textnachrichten?

Die Erklärung, die mir für unser seltsames Verhalten am logischsten erscheint, ist die, dass es uns bisweilen an ausreichend Selbstwertgefühl mangelt. Das würde auch erklären, warum manche Personen kaum und andere wiederum (Hallo!) zum ständigen Interpretieren neigen. Es ist die eigene Unsicherheit, die uns dazu antreibt, Dinge zu lesen, die dort gar nicht geschrieben stehen. 

Nicht immer jedoch fängt es erst beim geschriebenen Wort an, dass wir beginnen, nach einer Bedeutung von etwas zu suchen, das vermutlich gar keine große Bedeutung hat. Wer hat noch nie vor dem Handy gesessen und geguckt, wann die Person, die man toll findet, das letzte Mal online war, weil auf die letzte Frage noch gar keine Antwort kam. Und sich dann gefragt, wieso sie noch immer nicht geantwortet hat, obwohl sie die Nachricht bereits vor drei Stunden gesehen hat und zuletzt vor zwei Minuten online war? Eben. Solche Situationen lösen etwas in uns aus. Und zwar so viel, dass viele Dating-Ratgeber uns sogar weismachen wollen, dass es besser ist, mit dem Zurücktexten zu warten, um sich selbst interessanter zu machen. (Warum das totaler Bullshit ist, habe ich übrigens an einer anderen Stelle schon einmal aufgeschrieben.)   

Am Ende rauben wir uns selbst damit nicht nur Zeit, sondern auch Nerven.

Fragen wie „Warum braucht er*sie so lange, um zu antworten?“, „Was hat er*sie wohl damit gemeint?“ oder „Warum schreibt er*sie heute ohne Emojis und ist so kurz angebunden?“ werden wir uns niemals selbst beantworten können. Was wir aber machen können: Die andere Person direkt danach fragen, statt Screenshots einzelner Konversationen an unsere Freund:innen weiterzuleiten. Und mit ihrer Hilfe versuchen wir herauszufinden, ob irgendetwas komisch ist. Das rettet uns vor belastenden Gedankenspiralen und macht auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen einfacher. Denn ehrlich, dieses ganze Zerdenken von Formulierungen und immer wieder checken, ob er*sie online war, tut weder uns selbst noch der anderen Person auf Dauer gut. 


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