Warum fällt es uns so schwer, uns zu entscheiden?

Kaum ein Beitrag über die vermeintliche Bindungsunfähigkeit dieser Generation, der nicht das Phänomen des Kühlregals aufgreift: Bei fünf Sorten Joghurt ist die Entscheidung für eine rasch gefallen. Bei zwanzig dauert es ein Vielfaches länger, bei hundert verzichten wir lieber auf den Joghurt und greifen zur Banane, die uns zufällig auffällt. Übertragen auf die moderne Partnersuche bedeutet das: Wer glaubt, in jedem Winkel des Internets lauerten paarungsbereite Kandidaten für uns, der sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Um endlich aus dem Supermarkt-Bild zu kommen, nennen wir es doch mal Netflix-Problem: Nach fünfzehn Minuten Suche nach dem jetzt in diesem Moment und dieser Stimmung passenden Film gebe ich auf – und gehe mit einem Buch ins Bett.

Das soll in keiner Weise bedeuten, dass ich möchte, jemand solle mir meine Entscheidung abnehmen. Wir wollen Qualität statt Quantität, aber wir wollen selbst entscheiden, was Qualität ist. Wenn sich das nicht ganz konsequent anhört, dann weil es nicht konsequent ist. Aber wir sind es gewohnt. Wird es geändert, reagieren wir verstört. Es verhagelt uns die Laune, wenn wir uns fremdbestimmt fühlen. Sie ist für eine Generation, die Einschnitte in Freiheitsrechte nur in Ausnahmefällen persönlich erlebt hat, ein extrem wichtiges Gut: die Selbstbestimmung. Wir entscheiden selbst, wer wir sein wollen, welches Beziehungsmodell wir führen möchten und welchen Sinn wir unserem Leben geben.

Womit wir uns jedoch eine Menge Freiheit wieder nehmen, denn wo der Markt nicht reguliert wird, da geht es um Angebot und Nachfrage. Die Nachfrage: Der Partner, der zu mir passt. Der perfekte Mann, die perfekte Frau für die perfekte Beziehung. Aus Selbstbestimmung wird Liebes-Kapitalismus und der Zwang zur Selbstoptimierung, um mithalten zu können. Das Angebot muss ebenfalls perfekt sein. Denn ein perfekter Partner würde uns ja nur wählen, wenn wir ebenso perfekt wären.

Dabei lernen wir durchaus reichlich Menschen mit ähnlichen Interessen kennen. Je mehr Freunde und Bekannte wir haben – immerhin ein deutliches Zeichen, dass wir freundliche, sympathische Menschen sind, die Liebe geben können – umso größer wird das Bedürfnis nach einem Menschen, der eine besondere, tiefere Bindung mit uns eingeht. Eine Bindung, die einzigartig ist.

Also warten wir. Auf den Einen / die Eine, den / die uns das Schicksal bitte vorbeischlicken möge. Es muss keine Lieferung per Haus sein, wir sind durchaus bereit, etwas dafür zu tun, uns weiterzubilden, beim Sport zu quälen, ein Instrument zu lernen oder ein schickes Fahrzeug zu kaufen. Wir wollen diesen Menschen gar nicht umsonst. Wir sind bereit zu geben. Alles.

Nur nicht unsere Wahlmöglichkeit.

Das wird uns zum Verhängnis. Denn während es vielleicht das Suchergebnis geben mag, das tatsächlich perfekt passt, ist eine perfekte Beziehung etwas, das von zwei Partnern erst geschaffen wird. Auf den perfekten Partner zu hoffen, ist aus vieler Sicht ein wenig Erfolg versprechender Weg.

Es ist manchmal ganz gut, sich nicht zu überlegen, was es sonst noch alles geben könnte – sondern lieber zu nehmen, was man bekommen kann. Vielleicht einen der vielen Bekannten, die wir beim Selbstoptimieren kennen lernen und mit denen wir gemeinsam klagen, dass wir die Richtigen noch nicht gefunden haben. Vielleicht steht sie / er längst neben uns.

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