Denkst du noch oder liebst du schon?

Jana Seelig ist der Meinung, dass wir aufhören müssen, die Gefühle, die wir für einen anderen Menschen verspüren, zu zerdenken. Warum das allerdings so schwer ist, beschreibt sie in ihrer heutigen Gastkolumne

Wenn ich sage, dass ich Gefühle für jemanden habe, also Gefühle, die nicht Hass sind, dann muss man bei mir zwischen drei verschiedenen Kategorien unterscheiden – vier, wenn man den Kryptonit-Menschen dazu zählt. Ich habe quasi Gefühle in drei verschiedenen Stadien – verknallt sein, verliebt sein und lieben. Und über diese Gefühle spreche ich fast nie.

Ich will einfach nur fühlen

Ich will nämlich nicht darüber sprechen müssen, sondern einfach nur fühlen. Die Liebe leben, in all ihren Facetten, selbst wenn dazu der Schmerz gehört. Die Liebe ist aber dabei, sich zu verlieren. Ich glaube, wir haben sie wegrationalisiert. Vielleicht aus Angst. Vielleicht aus Egoismus. Vielleicht, weil wir uns alle viel zu kaputt dafür halten.

Ich verknalle mich ziemlich oft. Meistens sogar mehrmals am Tag. In den Typen, der im Park mit seinem Hund spielt oder das Mädchen, das mit mir einem zuckersüßen Lächeln einen ebenso süßen Cupcake verkauft. Um mich zu verknallen, muss ich nicht mal mit jemandem sprechen. Es reicht, den Menschen anzusehen, um verknallt zu sein. Einfach, weil er oder sie etwas ausstrahlt, das mich anzieht. Es ist das Geringste aller Gefühle, und doch ist es wunderschön.

Das Problem daran, verknallt zu sein, ist, dass es schnell wieder verfliegt. Zum Beispiel, weil der Mensch, in den man sich verknallt hat, einen wirklich dummen Satz sagt oder plötzlich Bushido über den Lautsprecher seines Telefons abspielt. Die Oberflächlichkeit siegt über das Gefühl, das ich im Moment des ersten Treffens hatte – und dann will ich nach Möglichkeit auch nichts mehr mit dieser Person zu tun haben, ihr am besten nicht mal mehr begegnen, weil es mir schon irgendwie peinlich ist, dass ich in sie verknallt war. Ich habe das verknallt sein wegrationalisiert.

Verliebt sein, das ist schon etwas mehr. Es sind diese viel zitierten Schmetterlinge im Bauch, wenn man die andere Person sieht oder vielleicht auch nur an sie denkt. Manchmal frage ich mich dann, ob ich vielleicht nicht einfach nur kotzen muss und deshalb dieses seltsame Gefühl im Bauch habe, doch wenn ich das Gefühl dann näher hinterfrage, stellt sich eigentlich immer raus, dass ich doch nur verliebt bin.

Liebe ist wie ein Rausch mit Kater

Wenn ich verliebt bin, bekomm ich von dem anderen Menschen nie genug. Manchmal weiß ich, dass es falsch ist und dass ich all diese Gefühle gar nicht haben sollte, weil der Mensch eigentlich schlecht ist für mich. Es ist dann wie mit Alkohol: Man trinkt und trinkt und trinkt, und redet sich ein, dass der Kater schon nicht so schlimm sein wird, auch wenn man weiß, dass er kommen muss. Und so ertrinke ich eben manchmal in Gefühlen, und das ist schön, auch wenn dort vielleicht Herzschmerz auf mich wartet. Der Rausch, der vorher kommt, ist toll, und so trinkt man eben und verliebt sich immer wieder.

Was das Trinken betrifft, bin ich mittlerweile fast erwachsen geworden. Ich trinke immer seltener, denke bei jeder Runde nach, ob ich wirklich noch einen Shot will – immerhin weiß ich, dass ein Kater darauf folgt, und je mehr man trinkt, desto schlimmer fällt er aus. So wie beim Alkohol ist auch bei meinen Gefühlen irgendwann der Punkt erreicht, an dem ich mir die Frage stellen muss, ob ich aus dem Verliebt sein Liebe machen will, auch wenn ich weiß, dass Herzschmerz auf mich wartet.

Wir sind Einzelkämpfer geworden

Nicht sofort, sondern einfach irgendwann – und je mehr man sich verliebt, desto schlimmer wird der Schmerz. Es beginnt das rationale Denken. Ist es wirklich das, was ich will? Und selbst wenn ich unbedingt will – kann ich das überhaupt? Ist es mit meinem Job vereinbar? Meinen Freundschaften? Meinem Leben?

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