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Wir haben alle einen Kryptonit-Menschen in unserem Leben

Jana Seelig ist der Meinung, dass wir alle einen Menschen haben, an dem wir für immer hängen werden. In ihrem Gastbeitrag schreibt sie darüber, warum das total okay ist – selbst wenn man längst neu verliebt ist

Ich habe da so eine Theorie, nämlich dass jeder so einen Menschen hat, an dem er für immer hängen wird – ganz egal, wie lange die Beziehung gedauert hat oder wie intensiv sie war. Wir nennen sie die Kryptonit-Menschen, weil sie wie eine Schwachstelle für einen sind. Wann immer man sie sieht oder nur ihren Namen hört, verfällt man ihnen wieder. Oder bekommt zumindest ein Stechen im Herz, weil damals alles so schön schrecklich war und auch so schrecklich schön.

Ich habe da so eine Theorie, nämlich dass jeder so einen Menschen hat, an dem er für immer hängen wird – ganz egal, wie lange die Beziehung gedauert hat oder wie intensiv sie war. In meinem Freundeskreis heißen diese Menschen „Katrina“. Ich habe nämlich diesen Freund, der schon sehr lange in einer Beziehung ist, und trotzdem spricht er oft von Katrina. Katrina war das erste Mädchen, das er zutiefst geliebt hat und es bis heute tut – wenn auch auf eine andere Art, als er seine jetzige Freundin liebt. Katrina hat ihm das Herz gebrochen. Das ist zwar schon etliche Jahre her, doch irgendwie ist sie noch immer sein Mädchen. Sein Kryptonit-Mädchen, um genau zu sein. Für sie würde er alles tun, auch wenn sie längst nicht mehr zusammen sind. Denn sie ist seine Schwachstelle.

Der Kryptonit-Mensch versetzt uns einen Stich. Immer noch.

Auch ich habe diesen Kryptonit-Menschen, bei dem mir immer noch das Herz weh tut, wann immer irgendwo sein Name fällt. Er und ich waren nie zusammen, und doch hab ich ihn sehr geliebt und tue es bis heute – wenn auch auf eine ganz andere Art, auf die ich meinen jetzigen Freund liebe. Dieser Mann hat mir das Herz gebrochen, und es ist nie wieder richtig zusammengewachsen. Mein Herz hat eine Schwachstelle, und die ist dieser Mann.

Ich habe da so eine Theorie, nämlich dass jeder so einen Menschen hat, an dem er für immer hängen wird – ganz egal, wie lange die Beziehung gedauert hat oder wie intensiv sie war. Für diese Menschen würden wir alles tun, ganz egal, wie schön unsere Leben gerade sind und wie toll unsere Beziehungen oder Freundschaften oder Jobs. Wenn sie plötzlich wieder vor der Tür stünden, würden wir öffnen, egal wie sehr sie uns damals verletzt haben, und dann würden wir unsere Koffer packen und einfach abhauen, mit ihnen, bis an das Ende dieser Welt und weiter, so wie das früher mal geplant war, mit der Kryptonit-Person, und wenn es nur in unseren Köpfen war.

Nicht immer ist man von der Kryptonit-Person getrennt. Manche von euch sind vielleicht noch mit ihr zusammen und bleiben es auch für immer. Sie ist die Schwachstelle in euch, die euch nur so lange stärker macht, wie sie an eurer Seite ist. Kryptonit muss ja nicht etwas Schlechtes sein, es kann nämlich auch einfach Sicherheit bedeuten – und vielleicht ist es genau das, was uns an diesen Kryptonit-Menschen so reizt: Die Sicherheit, die sie uns geben, wann immer sie in der Nähe sind.

Welchen Farbton hat euer Kryptonit?

Ich habe da so eine Theorie, nämlich dass jeder so einen Menschen hat, an dem er für immer hängen wird – ganz egal, wie lang die Beziehung gedauert hat oder wie intensiv sie war. Es gibt ja verschiedene Arten von Kryptonit. Schwarzes, weißes, blaues, grünes, rotes, rosa, silbernes, goldenes und sogar farbloses Kryptonit.

Und so, wie jede Beziehung anders ist, wirkt auch jedes Kryptonit auf seine ganz eigene Weise. Kryptonit kann wie Beziehungen auch schwächen, aussaugen, die Persönlichkeit eines Menschen in Gut und Böse spalten, freundlich, gutherzig und intelligenter machen, aber auch unvorhersehbare Folgen haben und einen Menschen all seiner Kräfte berauben. Ich denke, wir alle haben das schon erlebt, also die guten und die schlechten Seiten von Beziehungen. In jedem von uns steckt ein wenig Kryptonit und jeder ist eigentlich vertraut mit den möglichen Wirkungsweisen.

Ich habe da so eine Theorie, nämlich dass jeder so einen Menschen hat, an dem er für immer hängen wird – ganz egal, wie lange die Beziehung gedauert hat oder wie intensiv sie war. Wir nennen sie die Kryptonit-Menschen, oder eben „Katrinas“, nach dem Kryptonit-Mädchen meines Freundes. Und weil die Theorie so ist, heißt das, dass auch wir für manche Menschen Kryptonit sind – ein Element, das in ihnen eine Schwachstelle geschaffen hat, die immer dann zu brechen droht, wenn sie uns sehen oder bloß unsere Namen hören. Weil damals alles so schön schrecklich war und auch so schrecklich schön.

Kryptoniten machen uns stärker

Kryptonit, das muss nicht immer etwas Schlechtes sein. So, wie es uns schwächt, so stärkt es uns auch für zukünftige Beziehungen. Die Schwachstellen, die andere Menschen in uns hinterlassen haben, die lassen sich vermutlich nie wieder ganz kitten, doch wir lernen mit der Zeit, sie durch unsere Stärken auszugleichen – und was uns nicht umbringt, macht uns stärker, wie man immer so schön sagt.

Vielleicht sind wir irgendwann auch stark genug, dem Kryptonit zu widerstehen, der Macht, die es ausüben kann, dem Versprechen, das nie eingelöst wird, den Menschen, die es zu dem machen, was es ist, und ihre Sehnsüchte und Ängste hinein wünschen. Vielleicht sind wir irgendwann stark genug, um uns nicht mehr auf die Menschen einzulassen, denen wir zu verfallen drohen, wann immer wir sie sehen oder nur ihren Namen hören. Vielleicht geht es aber auch nie wirklich weg, sondern springt nur von Person zu Person. Nicht auf jede Person, die wir im Laufe unseres Lebens lieben, sondern nur auf zwei bis drei davon, und Kryptonit ist ja nicht immer schlecht, denn es schwächt nicht nur, sondern macht auch stärker.

Einen Kryptonit-Menschen zu haben, heißt nicht, dass man in seiner neuen Beziehung unglücklich ist. Die Liebe ist nur eine andere, und so wie keine Beziehung der anderen gleicht, gleicht auch eben keine persönlich empfundene Liebe einander. Es geht nicht ums Vergleichen oder Aufwiegen von Liebe, denn das ist gar nicht möglich. Es ist nur verdammtes Kryptonit. Eine Schwachstelle, die uns manchmal vielleicht zweifeln lässt, an all dem, das nicht wirklich Kryptonit ist oder vielleicht nur die farblose Variante davon.

Mein Kryptonit-Mensch und ich, wir sind schon lange ganz vorbei. Er ist in eine andere Stadt gezogen und wann immer ich seinen Namen lese oder an seiner Wohnung vorbeifahre, fühle ich nur noch ein kleines Stechen im Herz. Das Stechen, das wird wohl nie verschwinden, weil damals alles so schrecklich war und auch so schrecklich schön, aber ich fühle mich nicht mehr ganz so schwach. Mein jetziger Freund weiß von dem Kryptonit und ich weiß über seins Bescheid. Es ist nämlich okay, eine Katrina zu haben. Nicht nur in der Theorie.

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Über den Autor/die Autorin

Jana Seelig

Jana Seelig ist jung und schön, sie hat einen großen Freundeskreis, sie liebt ihren Beruf – und sie hat Depressionen. Es gibt Tage, an denen geht gar nichts. Dann muss sie sich oft gut gemeinte Ratschläge anhören, die zeigen, wie wenig ihr Umfeld eigentlich versteht, wie es ist, wenn man nichts mehr fühlt.