Kann ich nicht einfach wieder Geliebter sein?

Teresa und Peter haben sich bei der Arbeit kennengelernt. Sie sind beide Psychologen und leiten eine therapeutische Einrichtung. Peter fing nach Teresa an. Schon als er sich ihr zum ersten Mal vorgestellt hat, bekam er weiche Knie. Er war vom ersten Tag an in sie verliebt –und bereit für eine Beziehung.

Teresa war ebenfalls bereit für die Liebe. Sie fand Peter in jeder Hinsicht hinreißend und unwiderstehlich. Aber sie war nicht bereit für eine Beziehung, denn sie hatte schon eine. Teresa war verheiratet, nach eigenem Bekunden durchaus glücklich verheiratet. Sie fand schon immer, dass sich das nicht ausschließt: glücklich liiert sein und sich „trotzdem“ verlieben.

Sie führte keine offene Ehe

Es gab in den zehn Jahren ihrer Beziehung allerdings das eine oder andere harmlose Techtelmechtel, das sie diskret abwickelte. Die Geschichte mit Peter war anders, das war Teresa ziemlich schnell klar. Nicht harmlos, im Gegenteil, emotional folgenschwer. Dennoch hatte die Affäre eine große Leichtigkeit. Peter übte keinen Druck auf Teresa aus. Er ist ein Mensch, der das Gegenteil von bedürftig ist. Bindungswillig und bindungsfähig, das ja – und gleichermaßen dezidiert nicht bedürftig. Er war in der Lage, einfach den Augenblick mit Teresa zu genießen. Ein Mann, der in sich ruht, ein souveräner Freigeist. 

Natürlich war er manchmal unglücklich. Er träumte zum Beispiel davon, mit seiner Liebsten zu verreisen. Es ging ihm schlecht, wenn Teresa mit ihrem Mann im Urlaub war. Teresas Gefühle für Peter wurden mit der Zeit immer stärker. Eines Tages verkündete sie ihm, dass sie ihren Mann verlassen und die Scheidung einreichen wolle. Peter war überwältigt vor Freude. Teresa und er zogen bald zusammen, er machte ihr einen Antrag.

Nun, wo er sie ganz haben konnte, wollte er sie ganz

Das ist jetzt zwei Jahre her. Nach wie vor ist Teresa die Frau seines Lebens, das würde Peter unterschreiben, trotzdem: Alles, was dranhängt an der Ehe, die Familie von Teresa, gesellschaftliche Verpflichtungen, das nervt ihn total. Er möchte lieber wieder Teresas Geliebter sein. 

„Teresa fiel aus allen Wolken, als ich ihr gestanden habe, dass ich mich nach den alten Zeiten zurücksehne, dass ich sogar am liebsten das Rad der Zeit zurückdrehen möchte“ sagt Peter. „Sie führte mir vor Augen, was mir eigentlich auch völlig klar ist, dass wir uns nie langweilen miteinander, obwohl wir beruflich und privat ständig zusammen sind. Dass wir nach wie vor das perfekte Paar sind, jetzt eben ein Ehepaar. Unser Sex ist großartig. Wir brauchen nicht den Kick einer heimlichen Affäre, um scharf aufeinander zu sein, wir sind auch in der Ehe verrückt nacheinander. Außerdem haben wir beide keine Kinder, wir könnten noch welche kriegen, aber wir wollen keine. Wir können im Prinzip leben, wie wir wollen. 

Wo ist hier der Haken, mein Haken? 

Der Haken ist: Teresa hat eine riesige Familie und einen großen Bekanntenkreis. Und sie hängt sehr an ihrer Familie. Andauernd ist irgendetwas. Sonn- und Feiertage, Ostern, Weihnachten, Pfingsten, Geburtstage, Konfirmationen, Jubiläen, Hochzeiten, Taufen. Ich bin gern mit Menschen zusammen, und ich bin gern mit Teresa und Menschen zusammen. Als ihr Ehemann muss ich allerdings auf jede Feier mit. Ich bin überall eingespannt. Das ist mir zu viel. Ich habe vorher schon gewusst, dass bei Teresa einiges los ist. Dass es so ein Trubel ist, das hätte ich mir nicht gedacht. 

Früher bekam ich von Teresa eine Sehnsuchts-Nachricht, wenn sie mit ihrem damaligen Mann auf einer Feier war. Das fand ich gut. Ich war zu Hause auf dem Sofa und sie schrieb mir. Wir waren verbunden, mit dem Rest hatte ich nichts zu tun. Es sind ja auch nicht nur die festlichen Anlässe, die mich nerven. Es hängen auch noch andere Verantwortungen an mir, wenn sich Teresa zum Beispiel Sorgen macht um ihre Schwester, die finanzielle Probleme hat und sich deshalb nicht aus ihrer schrecklichen Ehe lösen kann. Oder wenn ihr Vater auffällig immer vergesslicher wird und sie befürchtet, dass es keine reine Alltagsvergesslichkeit sein könnte, sondern vielleicht Demenz. Ich bin überall mit reingezogen, ich bin gefragt. Ich bin Teresas Mann und damit Teil dieser Familie.“ 


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