Wieviel Sex braucht man, um glücklich zu sein?

Wie wichtig ist Ihnen Sex – im Leben, in einer Beziehung und außerhalb einer solchen? Und glauben Sie wirklich, dass Sie außerhalb einer Beziehung mehr sexuelle Erfüllung finden als innerhalb?

Immer mehr junge Leute binden sich später. Wo früher eine feste Partnerschaft mit Mitte 20 eingegangen wurde, sind die in Beziehung Lebenden mittlerweile 30 Jahre und älter. Und das, obwohl sich über 80 Prozent eine Beziehung wünschen. Was bedeutet die verzögerte Bereitschaft zu einer festen Partnerschaft für das Sexleben? Ist der geschaffene Freiraum durch das Singles-Dasein gleichbedeutend mit weniger Sex oder mehr oder gar keinem?

Wir leben in einer sexuell sich immer weiter befreienden Gesellschaft. Viele junge Menschen bevorzugen das ungebundene Singledasein oder gehen anderen, freieren Mischformen aus Singleleben und Zweisamkeit nach. Ob One-Night-Stands, Affären, Mingles – eigentlich denkt man doch, dass die Anzahl der sexuellen Kontakte steigen sollte, je ungebundener man seinen Trieben nachgehen kann. Schließlich fallen ja die Fesseln der Beziehung weg, von denen wir so oft glauben, dass sie uns daran hindern würden, uns ganz ungezwungen unserer Lust hinzugeben. Die Vielzahl der Dating-Apps und -Plattformen sollte es doch möglich machen, dass man immer dann, wenn man will, jemand findet, der Gleiches will. Doch sind wir sexuell wirklich so freizügig, wie es oft proklamiert wird?

Fantasie und Realität sind zwei verschiedene Paar Schuhe

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich mich von meiner ersten großen Liebe trennte. Wir verbrachten fast vier wirklich gute Jahre miteinander, doch sexuell hatte mir von Anfang an etwas gefehlt. Ein gewisser Kick, ein bisschen mehr ungezogenes Spiel, mich einfach so frei ausleben zu können, wie ich es in meinen Fantasien tat. Leider fand ich in ihm nicht den entsprechenden Gespielen dafür. Er wollte einfach nur „Liebe machen“ – das reichte ihm. Mir reichte es nicht und ich fühlte mich zu jung, um meine Libido bis zum Ende meines Lebens unterdrücken zu wollen. Ich wollte endlich die wilden Fantasien in die Tat umsetzen, die sich in mir angestaut hatten. Also trennte ich mich.

Nach der Trennung lief ich von einer Party zur nächsten – auf der Suche nach sexuellen Erfahrungen und Männern, mit denen ich mich ausleben konnte. Ich hatte One-Night-Stands, Sex im Club, ließ mich auf der Tanzfläche fingern und mir im Morgengrauen beim Sex auf dem Balkon das Vanilleeis von meinen Brüsten lecken, während Berlin erwachte und die Sonne nach einer langen Nacht wieder aufging. Ich lebte das, wonach ich mich vorher gesehnt hatte, und stellte fest, dass es mich nicht erfüllte. Meine wilde promiskuitive Party-Phase war intensiv, dauerte aber in Wahrheit nur einen Sommer. Schnell merkte ich, dass ich mich selbst verarscht und in Illusionen verloren hatte.

Gewisse Dinge in der Fantasie auszuleben, ist leider meist ganz anders, als wenn wir es in der Realität erleben. In unserem Kopf ist nämlich alles genau so, wie wir es haben wollen. Alle Komponenten stimmen, da wir in unserer Traumwelt der Dirigent sind. Doch sobald sich dann ein anderer Mensch mit seinen eigenen Bedürfnissen in den gelebten Moment einmischt, ist es einfach nicht mehr so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Plötzlich sind die Küsse nicht so leidenschaftlich, die Ausdauer und der eigene Lustgewinn nicht so intensiv und wenn man bis zum nächsten Morgen bleibt, kommt auch noch der Morgenmundmuff dazu, der nun wirklich nicht Bestandteil unserer Fantasien war. In Summe ist alles irgendwie anders und oftmals unbequemer, als wir es uns gewünscht hatten und wir sind enttäuscht. Das Hirn schüttet weniger Glückshormone aus und wir finden uns auf dem kalten Boden der Tatsachen wieder.

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