Wenn aus einem Märchen ein Albtraum wird

Sie verlor den Kontakt zu ihren Freundinnen

Es knallte, als Annes Mutter zu Besuch war und hautnah erlebte, wie aus ihrer einst selbstsicheren, selbstständigen Tochter ein ängstliches, verletztes Wesen geworden war, das sich von ihrem Partner völlig dominieren ließ. Als Bernd erkannte, dass Annes Mutter ihm gefährlich werden könnte, provozierte er einen Streit. Doch dieses Mal wehrte sich Anne und blieb bei ihrer Position. Er wurde laut und aggressiv. Es blieb bei verbalen Ausfällen, dennoch fühlte sich Anne zunehmend bedroht. Als die beiden die Paarberatung aufsuchten, war es für ihre Liebe bereits zu spät. Die Trennung verlief hässlich, weil es so schwer fiel, den einen Schuldigen auszumachen.

Manche Menschen lassen sich gerne führen, andere bevorzugen es, den Ton anzugeben. Fühlen sich die Partner in dieser Dynamik wohl, ist alles gut. Will aber einer etwas verändern, ist das Machtgefüge bedroht und gerät aus den Fugen. Der dominante Partner ist überzeugt, er wollte ja nur das Beste. Oft regelte er über Jahre hinweg alles alleine und erlebt es als Betrug und Verrat, wenn seine Hilfe plötzlich nicht mehr erwünscht wird. Er ist verletzt und enttäuscht und fühlt sich selbst ungerecht behandelt. Damit er seinen Selbstwert erhalten kann, wertet er dann den Partner ab. Dabei geht es nicht immer um Bosheit, das kann ein Schutzmechanismus sein. Allerdings eben einer auf Kosten des Partners.

Natürlich gibt es einige Fälle, in denen der dominante Partner einfach einen großen Mangel an Beziehungskompetenz besitzt, also ein bösartiger Mensch ist, der seine Macht missbrauchen will. Das sind die Typen, die nicht nur den Partner fies behandeln, sondern gleichzeitig noch fremd gehen. Die gibt es leider auch.

Anne und Bernd scheiterten am Ende, weil in ihrer Beziehung Annes Selbstwert, der nach dem Betrug ihres vorherigen Partners bereits am Boden war, niemals wieder aufgebaut wurde. Das hielt sie davon ab, rechtzeitig ihre Position in der Beziehung als gleichberechtigte Partnerin zu suchen und wieder aufzunehmen. Nach der Trennung war auch genau das die wichtigste Aufgabe. Es half ihr, überhaupt das Ende der Beziehung durchzustehen – und vor allem musste verhindert werden, dass sie sich aus einer verletzten Position heraus wieder in eine abhängige Partnerschaft begeben würde. Würde sie sich wieder einen überstarken Partner suchen, könnte im schlimmsten Fall die neue Beziehung so werden wie die alten. Dieser Kreislauf lässt sich schwer durchbrechen. Aber es ist möglich.

Dazu gehörte die klare Botschaft: Es geht hier nicht um Schuld! Anne hatte nicht verdient, so behandelt zu werden. Sie musste sich nach dem Betrug ihres Ex erst wieder bewusst zu machen, dass wahre Liebe ohne Abhängigkeit und Machtkämpfe auskommt. Dass keine Beziehung Bestand hat, in der ein Partner abgewertet wird und der Respekt voreinander verloren gegangen ist. Und dass der Selbstwert in keiner Partnerschaft aufgegeben werden darf – damit die Beziehung glücklich bleiben kann.

Anne heißt natürlich nicht Anne und Bernd nicht Bernd. Denn dieses Märchen hatte kein Happy End und beide möchten ihre wahren Namen nirgendwo lesen. Ihre Geschichte ist aber exemplarisch. Vor allem wiederholt sie sich für Betroffene immer wieder, wenn nicht rechtzeitig dagegen gesteuert wird.


Weitere interessante Beiträge