Hochsensibel – oder einfach nur neurotisch?

Manche Menschen sind tatsächlich lichtempfindlicher als andere, reagieren empfindsamer auf Berührungen, spüren Dinge, die anderen verschlossen bleiben – manche retten sich mit einer „Scheindiagnose“ in die Rolle des „Besonderen“. Darum fragen wir, wie der Prinz im gleichnamigen Märchen: Gibt es sie wirklich, die Prinzessin auf der Erbse?

Was bedeutet das für die Partnerschaft?

Wie in im Eingangsbeispiel beschrieben, ist der Umgang mit hochsensiblen Personen mit gewissen Herausforderungen verbunden. Die größte ist wohl die, als Partner einer hochsensiblen Person den mit der Kategorisierung oft gleichzeitig eingeforderten Schonraum zu respektieren. Auf der einen Seite steht der hochsensible Mensch, dem schnell „alles zu viel wird“ und der dann in psychische und körperliche Not gerät. Auf der anderen Seite kann sich der weniger sensible Partner unter Druck gesetzt fühlen, ständig auf die Befindlichkeiten der geliebten sensiblen Person eingehen zu müssen. Das kann zur Belastung, mindestens aber zu dem Gefühl führen, die eigenen Bedürfnisse haben hinter denen des hochsensiblen Partners zurückzustehen. Da fällt dann schon mal die eine oder andere genervte Bemerkung, wie „Du bist einfach zu dünnhäutig.“, „Stell dich nicht so an.“ oder „Reiß dich mal zusammen, du bist doch neurotisch.“. Allzu verständlich, wenn man die Grenzen des eigenen Lebens und Erlebens immer enger werden sieht.

Da sich Hochsensibilität weder abstellen noch „heilen“ lässt, ist der einzige Weg die Toleranz für das Anderssein und gegenseitige Rücksichtnahme. Das gilt aber in jedem Fall für beide Partner. Transparenz über die eigenen Grenzen und klare Absprachen, wie jeder der beiden Partner den eigenen Wünschen und Bedürfnissen nachkommen kann, sind die Basis für eine gleichberechtigte Partnerschaft. Allerdings tun sich hochsensible Menschen gerade hierbei oft besonders schwer und sie tendieren dazu, eher die Erwartungen anderer erfüllen zu wollen als die eigenen. Kommunikation ist, wie in allen Partnerschaften, der Schlüssel für gegenseitiges Verständnis. Das heißt nicht, dass man alles, was den Partner betrifft, genauso empfinden und nachvollziehen muss, sondern nur, dass beide voneinander wissen, wie der andere in bestimmten Situationen reagiert und akzeptieren, dass dies sich von den eigenen Reaktionen unterscheidet. Ganz ohne Bewertung und Veränderungsabsicht. Unterschiede sind gut, erweitern den eigenen Horizont und bereichern das Leben.

Natürlich können Hochsensible nicht ständig Rücksichtnahme von ihren Partnern verlangen, vor allem dann nicht, wenn es deren Bedürfnisse auf Dauer einschränkt. Auf der anderen Seite bringt das „Verbiegen und Anpassen“ für den hochsensiblen Part der Beziehung großen Stress und Überforderung, die seine ohnehin ausgeprägte Rückzugstendenz verstärken wird. Da hilft nur, sich genau zu kennen, eigene Grenzen klar abzustecken und den anderen lieber allein auf die Feier zu Freunden schicken als von ihm zu erwarten, er solle daheimbleiben. Das ist vielleicht nicht immer die Traumlösung, aber die gibt es ohnehin nicht. In keiner Partnerschaft. 

Wenn der Partner den Verdacht hat, dass die Hochsensibilität nur als „Scheindiagnose“ herangezogen wird, um sich einen Schonraum, Aufmerksamkeit und besonderes Verständnis zu erkaufen, hilft es nur, den Verdacht anzusprechen und die Frage zu stellen, warum das Gegenüber diese Sonderstellung für sich braucht. In jedem Fall hilft auch hier wieder nur reden. Da Hochsensible die Tendenz haben, sich der „Norm“ ihrer nicht hochsensiblen Umgebung, auch über die eigenen Grenzen hinweg, anzupassen, sind sie eher nicht diejenigen, die sich plakativ der Rolle des „Besonderen“ annehmen möchten. Der Rückzug aus Schutz vor Reizüberflutung passiert im Stillen und ist eher eine Notbremse als eingeforderte Rücksichtnahme. Wenn also jemand mit seiner angeblichen Hochsensibilität hausieren geht, dann spricht dies eher für ein besonderes Geltungsbedürfnis als für besondere Empfindsamkeit.


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