Bin ich eigentlich weniger egoistisch geworden?

Maß halten, Rücksicht nehmen: In Beziehungen darf es nicht nur “Ich zuerst!” geben. Jonathan Bern fragt sich, ob sich sein Egoismus mit zunehmender Beziehungserfahrung verändert hat

Gehen wir einmal davon aus, dass Egoismus an sich nicht unbedingt etwas Negatives sein muss. Wenn man Egoismus so definiert, dass es das Streben nach dem eigenen Glück ist, sind wir wahrscheinlich alle Egoisten – ob wir es zugeben möchten oder auch nicht. Denn Menschen denken in erster Linie an ihr eigenes Wohl, aus dem einfachen Grund, dass sie sich in der Gesellschaft behaupten müssen. Der Mensch muss seinen Platz finden.

Ausschlaggebend ist vielmehr, wie wir mit Egoismus umgehen. Kritisch wird es, wenn eine gewisse Grenze überschritten wird und in einer Partnerschaft die Balance zwischen Geben und Nehmen nicht mehr funktioniert. Zuerst komme Ich, Ich, Ich und irgendwann viel später Du … – und mit etwas Glück auch noch Wir.

Ich kann nur aus eigener Erfahrung berichten und frage mich deshalb bewusst kritisch: Bin ich mit zunehmender Reife weniger egoistisch geworden? Es fällt schwer, das eigene Verhalten im Nachhinein zu reflektieren und sich objektiv ein Urteil zu erlauben. Ich würde behaupten, dass ich zumindest milder geworden bin.

In meiner Jugend ging es mir in erster Linie darum, neue Erfahrungen zu sammeln, das Leben zu genießen, ohne an morgen zu denken, mich treiben zu lassen, ohne große Verpflichtungen. Ich war immer gespannt auf die nächste Begegnung, neugierig, diese neue Frau kennenzulernen und ihren Körper zu entdecken, falls ich sie mit meinem Charme verführen konnte. Schwer vorstellbar, dass vieles einfacher und spontaner war in einer Zeit ohne Facebook, Tinder, WhatsApp & Co. Früher war sicher nicht alles besser, aber auf jeden Fall anders.

Egoismus ist eben auch, dem Partner sein Glück aufzwingen zu wollen

Die Komplikationen fingen an, als ich mich zum ersten Mal richtig verliebte und ich monogam aus Überzeugung wurde. Nach einigen Monaten stellte sich die Frage, ob wir nicht zusammen ziehen sollten. Es ergeben sich viele – in erster Linie finanzielle – Vorteile. Jedoch habe ich die Nachteile ausgeblendet, weil ich sie nicht kannte oder nicht wahrhaben wollte. Plötzlich merkte ich, dass meine Freundin immer besitzergreifender wurde, auch wenn sie mich aufrichtig liebte und für mich gut sorgte. Das äußerlich wahrnehmbare Ergebnis war, dass wir beide durch das gemeinsame Kochen richtig zunahmen…

Diese spezielle Form des Egoismus breitete sich schleichend immer mehr aus und ich litt besonders unter den Folgen einer nicht gerechtfertigten Eifersucht. Niemand sollte die – wenn auch unbewusste – Absicht haben, einen Menschen zu kontrollieren, ihm sein Glück aufzuzwingen, auch, wenn er davon überzeugt ist, zu wissen, was dem Anderen gut tut. Nach einigen Jahren erkannte ich, dass ich mich lösen musste, auch wenn die Gefühle noch existierten. Es war an der Zeit, sich aus diesem goldenen Käfig zu befreien.

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