Wenn sich Liebe plötzlich grundlos in Ekel verwandelt

Eine Achterbahn der Gefühle

An manchen Tagen geht es auch wieder mit der Liebe. Tanja ist dann wie früher, sie küsst Reinhard, beim Fernsehen kuschelt sie mit ihm auf dem Sofa. Einmal landen die beiden sogar wieder im Bett, es ist schön wie früher. Leidenschaftlich, zärtlich, vor allem: vertraut.

Doch schon am nächsten Morgen ist die Abneigung wieder da, sie kommt wie ein Anfall, wie eine Allergie. Reinhard ist unerträglich für Tanja. Sie bittet ihn, auszuziehen. Reinhard weigert sich, er kann das nicht hinnehmen, sein gesunder Menschenverstand sagt ihm, dass hier etwas Pathologisches vorliegen muss. Er sagt: „Tanja kam mir nicht normal vor. Das hat die Sache für mich nicht leichter gemacht, doch es hat meine Energien mobilisiert, für unsere Liebe zu kämpfen. Ich wusste, dass mit uns alles in Ordnung ist. Ich bin zu einem Therapeuten gegangen, Wolfgang, ein Freund von mir. Ich habe ihn aufgefordert, er möge schonungslos sein, wenn ich mir etwas vormache, wenn ich Tanja in eine verrückte Ecke dränge, weil ich nicht damit klarkomme, dass sie mich nicht mehr liebt, soll er es mir sagen.

Wolfgang und ich haben lange geredet, ich war froh, dass ich einmal alles loswerden konnte. Ich habe sonst keinem davon erzählt, dass sich Tanja vor mir ekelt. Und Tanja hat es auch niemandem gesagt. Wolfgang meinte schließlich, dass er von mir nicht den Eindruck habe, dass ich einem Wahn verfallen sei, dass ich das reale Ende der Beziehung nicht akzeptieren könne. Er würde gern mit Tanja sprechen oder mit uns beiden, mehr als Freund, denn als Therapeut, denn wenn Tanja eine Art Zwangsstörung habe, er hätte da eine Vermutung, müsste sie sich einen eigenen Therapeuten oder eine Therapeutin suchen. Es sei nicht produktiv, mit jemandem zu arbeiten, mit dem man befreundet ist.“

Der plötzliche Liebesverlust macht das ganze Leben kaputt

Reinhard muss Tanja nicht lange bitten, ihn in Wolfgangs Praxis zu begleiten. Es geht Tanja mittlerweile allgemein seelisch schlecht. Der plötzliche Liebesverlust überschattet ihr ganzes Leben, auch andere Dinge machen ihr keine Freude mehr, ihr Beruf, sie ist Erzieherin, ihre Hobbies. Sie schämt sich, sie denkt, sie sei undankbar, weil sie ihren wunderbaren Mann nicht mehr lieben kann, sie schleppt sich durch den Alltag. Sie ist apathisch. Es ist ein groteskes Bild: Hand in Hand sitzen Tanja und Reinhard in der Praxis von Wolfgang, eine Frau, die sich vor ihrem Mann ekelt und der nur noch aus der Erinnerung heraus dämmert, dass sie ihren Mann liebt, geliebt hat, lieben muss, weil er es verdient, weil er ein Guter ist.“


Weitere interessante Beiträge