Und wo bleibe ich? Ein Mann sucht (s)einen Platz

Und wo darf ich sitzen? Unser Autor will seinen Sessel zurück und einen Ort, wo er niemanden …, nein, wo ihn niemand stört

Vor einigen Jahrzehnten hatte Martha Stewart, eine US-amerikanische Landhausbesitzerin, der gutbürgerlichen, dunkelbraunen Schrankwand den Kampf angesagt. Ihre Waffen waren helle Vorhänge, weißes Holz, üppige Blumengestecke und gewischte Wände in Farben, die aus einem exotischen Obstkorb stammten. Diese Zeitenwende beförderte jede Frau mit genug Kleingeld für eine Möbelzeitschrift zu einer Innenarchitektin. Die Ära der Interior Designer begann. Es gab an jedem Kiosk und auf jedem Beistelltischchen nun Fortbildungsmöglichkeiten in Feng Shui, gelebter Farbharmonie und kalifornischer Wohnküchen-Mindestgröße. Die Geburtststunde einer unaufhaltsam missionierenden DIY-Bewegung mit ihrer Bilder-Bibel Pinterest: Invasion der Quilts, Wintergärten mit Küchenkräutern in bunten Glasflaschen, Cupcakes. Überhaupt scheint dem weiblichen Lebensgefühl sowieso alles lebenswerter mit selbstgebackenen Minikuchen in frisch renovierten und neu dekorierten Wohnungen. Überall in der westlichen Welt saßen in der Folge bald Frauen mit allerliebsten Laubsägearbeiten am Coach-Tisch und befragten ihre Partner über Nutzbarkeit von Akkubohrer und Akkuschrauber. Eine Win-Win-Situation, sollte man meinen. Denn: Schönes Heim = Happy Wife = Happy Life.

Ich will einfach nur sitzen dürfen und nichts tun

Aus männlicher Sicht möchte ich mich jedoch entschieden gegen jegliche weitere Martha Stewartisierung deutscher Eigenheime und Mietwohnungen wenden. Denn die Grand Dame des modernen Kolonialismus mag an den Kuschelplatz des Golden Retriever gedacht haben, irgendwo unter dem original Pferdesteigbügel aus einem Gehöft in Meck-Pomm, aber sie hat vergessen, dass der Mann, der den dekorativen Bello zweimal am Tag über das großzügige Gelände des nahen Stadtparks (in Ermangelung der gewaltigen Gartenanlage des Vorbildes aus den Südstaaten) treibt, ebenfalls einen Platz benötigt, den er sein Eigen nennt. Wo er ganz er selbst sein darf. Wo er niemanden …, äh nein, wo ihn niemand stört. Wo er einfach nur sitzt– und nichts tut.


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