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Über die Liebe im narzisstischen Zeitalter

Narzissten noch und nöcher: Selbstverliebtheit und Egozentrismus sind in unserer gegenwärtigen Gesellschaft längst salonfähig geworden, beobachtet unser Autor. Für authentische und stabile Liebesbeziehungen ist das allerdings extrem gefährlich

Wie war das noch gleich …? Der Mythos von Narziss

Der Begriff Narzissmus geht auf den antiken Mythos von Narziss bzw. Narkissos zurück. Dieser Mythos ist, gelinde gesagt, alles andere als schön. Narziss, Sohn einer von einem Flussgott vergewaltigten Wassernymphe, war ein junger Mann von außerordentlicher Schönheit. Obgleich von Frauen wie Männern gleichermaßen umworben, wies er in seiner Gefühlskälte und seinem Hochmut alle Interessenten zurück. Allerdings, so könnte man das heute wohl formulieren, legte er sich dabei mit den Falschen an. Er wurde schließlich, wohl von der Rachegöttin Nemesis, mit unstillbarer Selbstliebe bestraft. An einem Gewässer verliebte sich Narziss schließlich in sein eigenes Spiegelbild, ohne dabei aber zu realisieren, dass es sich um sein eigenes handelte. Der Mythos kennt, je nach Quelle, verschiedene Ausgänge der Geschichte. Um es kurz zu machen: In jeder Version stirbt Narziss schließlich, etwa indem er sich in seiner grandiosen Selbstverliebtheit vornüber beugt und ertrinkt. In einigen wird er zwar noch posthum in eine Narzisse verwandelt; aber das macht den Braten dann auch nicht fett.

Von Narziss zum Narzissmus und zur narzisstischen Gesellschaft

Narzissmus ist ja derzeit in aller Munde, allerdings wird der Begriff sehr unterschiedlich verwendet. Der kleinste gemeinsame Nenner dürfte wohl sein, dass Narzissmus, im Gegensatz zu einer gesunden Selbstliebe, eine überzogene Selbstverliebtheit bzw. Selbstidealisierung bezeichnet. Das eigene Ich wird zum Fetisch. Die Selbstliebe überschreitet wie bereits im Narziss-Mythos das Maß eines ausgewogenen und für unsere psychische Gesundheit zweifellos notwendigen Selbstwertgefühls.

Der Begriff des Narzissmus wurde im psychologischen Kontext schon vor über hundert Jahren von Sigmund Freud verwendet und später vor allem in psychoanalytischen Theorieschulen weiterentwickelt (u.a. von Ferenczi, Kohut, Miller und Kernberg). Traditionell wird dabei zwischen einem so genannten pathologischen und einem gesunden Narzissmus unterschieden. Pathologischer Narzissmus tritt nicht zuletzt bei narzisstischen Persönlichkeitsstörungen auf.

Narzissmus in seinen pathologischen Extremformen resultiert – so die Ansicht zumindest vieler Narzissmusforscher – aus einer relativ früh im Leben zu verortenden, zutiefst prägenden Mangelerfahrung. Man wird nicht erst im Erwachsenenalter zum Narzissten oder zur Narzisstin, sondern man trug diese Persönlichkeitsakzentuierung schon vorher in sich, auch wenn sie vielleicht lange Zeit noch nicht in den Vordergrund rückte und sich auf beobachtbares Verhalten auswirkte.

Leben und Lieben in einer narzisstischen Gesellschaft

Auch wenn die genauen Ursachen wohl noch im Dunklen liegen, wird unserer heutigen Gesellschaft immer wieder attestiert, sie sei narzisstisch bzw. der Narzissmus nehme stark zu. Ein bekannter Vertreter dieser These ist etwa der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz. Auch außerhalb der Wissenschaften nehmen Berichte über narzisstische Persönlichkeiten und Narzissmus als Charakteristikum einer ganzen Generation augenscheinlich zu. Da war z.B. jüngst vom „Egoland“ (Nast) die Rede und einer Generation der Selbstoptimierer. Insbesondere die jüngeren Gesellschaftsmitglieder, so heißt es, tanzten selbstverliebt ums eigene Ich. Das Ich werde als etwas Unvollständiges betrachtet (d.h. es gibt einen Mangel), das verbessert werden müsse. Die Folgen: Selbstdarstellung (z.B. „Ego-Shows“ in den sozialen Medien), Selbstmodifizierung (z.B. Fitness- und Diätwahn), starke Selbstfokussierung (mit entsprechenden Folgen für die Partnersuche und Beziehungsgestaltung, z.B. schneller(er) Kontaktabbruch) und vieles mehr.

Auch wenn mir das Labeln gleich einer ganzen Gesellschaft oder Generation etwas voreilig erscheint, treffen viele dieser Beobachtungen doch wohl einen wahren Kern. Immer häufiger hört man Äußerungen wie „So wie ich bin, bin ich nicht liebenswert“, „Ich genüge nicht“, „Ich bin nicht gut genug“, „Ich muss an mir arbeiten, sonst mag mich niemand“ oder „Ich strenge mich nicht genug an“. Die Folge dieses gewissermaßen umgedrehten Narzissmus (in der Fachliteratur auch als „Größenklein“ bezeichnet) sind Stress, chronische Unzufriedenheit und letztlich eine Mercedes-Mentalität („das Beste oder nichts“), die einen sowohl überfordert – weil wir als Menschen nun einmal nicht perfekt sind – als auch zum wilden Tanz ums eigene Ich verführt.

Natürlich trifft diese Beschreibung nicht auf jeden von uns zu. Es handelt sich um eine Trendbeschreibung, nicht um das „letzte Wort“. Fest steht allerdings meiner Ansicht nach, dass die dominante narzisstische Grundstimmung Auswirkungen auch auf unsere Beziehungen hat.

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Über den Autor/die Autorin

André Martens

André Martens ist Philosoph und Psychologe. Er schreibt leidenschaftlich gern - nicht zuletzt über die Liebe. Ob wir uns diesem Phänomen mit Worten tatsächlich annähern können, ist seine große Lebensfrage. Und solange er die Antwort nicht kennt, schreibt er fleißig weiter.