Schmatzen. Schlabbern. Schlürfen. Die Angst vor küssenden Männern

Woher kommt die Angst vor sich küssenden Männern? Der Anblick küssender Männer ist für viele schockierend („Doch nicht vor den Kindern, macht das zuhause“) Warum eigentlich? Im Alltag sehen wir wirklich schockierende Dinge, die uns völlig kalt lassen

„Ihh, die küssen sich. Wi-der-lich!“, denke ich mir häufig. Allerdings nicht nur bei homosexuellen Pärchen, sondern auch bei heterosexuellen Paaren. Um das kurz klarzustellen: ich spreche hier von Knutschen, nicht von einem einfachen Küsschen.

Und das aus einem einfachen Grund: Küssen sieht von außen betrachtet in den meisten Fällen absolut unschön aus. Vier Lippen, die sich ohne erkennbaren Rhythmus in alle Himmelsrichtungen bewegen. Zungen, die immer wieder hervorpreschen, um die andere Zunge beiseitezudrängen. Sabberfäden. Nein, das will ich nicht sehen. Dass küssen schön ist, steht außer Frage, aber schön anzusehen, ist es nicht.

Warum stören sich aber viele Leute gerade daran, wenn zwei Männer sich küssen? Ganz plump gesagt: sie kennen sowas nicht. Sie sind mit heterosexuellen Knutschereien großgeworden. Überall sieht man Küsse zwischen Mann und Frau: im Fernsehen, im Theater, im Familienumfeld, einfach überall. Sinnlichkeit und deren Aussehen ist gelernt. Nur eben ausschließlich heterosexuell.

Schon Disney hat uns im Kindesalter gezeigt, wie der Prinz die Prinzessin mit einem Kuss rettet. Wir haben den Inbegriff von Romantik also schon im Kinderprogramm vorgelebt bekommen: ein Kuss zwischen Mann und Frau. So war es und so soll es auch bleiben. Veränderungen haben dem Menschen schon immer Angst bereitet.

Ohne Veränderung kein Fortschritt

Das Problem an alledem ist folgendes: wenn Schwule sich in der Öffentlichkeit nicht küssen, weil sie sich mit Ablehnung konfrontiert sehen, kann sich an diesen veralteten Ansichten auch nichts ändern. Denn wenn man es nicht sieht, kann man es auch nicht kennenlernen und ist schlussendlich überfordert, wenn man damit in Kontakt kommt.

Dementgegen stehen schockierende Schreckensnachrichten und -bilder, mit denen wir Dank akribischer Berichterstattung durchaus vertraut sind, weshalb viele diese als natürlicher erachten als den Kuss zwischen zwei Männern. Deshalb hält sich die Überforderung und Empörung hier wohl in Grenzen. Außerdem haben diese Menschen auf die schrecklichen Ereignisse in der Welt nicht ansatzweise so viel Einfluss, wie auf so eine Lappalie, wie den Kuss zwischen zwei Männern.

Nebenbei bemerkt ist es allen Kindern auch sowas von egal, wer sich da gerade küsst. Warum? Weil sie so vieles noch nicht kennen und allem neuen sehr aufgeschlossen gegenüberstehen. Je früher sie also sehen, dass sich zwei Männer in der Öffentlichkeit küssen, umso wahrscheinlicher wird es für sie so normal sein, wie der Kuss zwischen Mann und Frau.

Es wäre trotzdem wirklich toll, wenn es gesellschaftlich vollkommen akzeptiert wäre, wenn der Prinz seinen Prinzen küssen kann, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Und wem das nicht passt, der kann ja wegschauen.

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Über den Autor/die Autorin

Jan Voss

Jan Voß kümmert sich als Screen Designer liebevoll um das Erscheinungsbild von beziehungsweise. Trotzdem hat er auch ein Herz fürs Schreiben. Sowohl hier, als auch auf seinem privaten Blog wwoos.de, schreibt er fleißig Artikel über dies und das. Für den richtigen Ausgleich sorgt Geocaching - eine Art moderne Schatzsuche.