TikTok! So geht Aufklärung heute

Warum die Social Media Plattform für viele Jugendlich und junge Erwachsene bereits den Aufklärungsunterricht in der Schule ersetzt und wie viel Potenzial in den verschiedenen Aufklärungs-Feeds von TikTok steckt

TikTok überzeugt durch eine eigene Dynamik. Der Newsfeed besteht aus meist kurzen Videos, die meistens mit Sound unterlegt und vor Special Effects triefend, über das Display rasen. Im Gegensatz zu Facebook und Instagram, wo Texte und Bilder dominieren, wirkt die Plattform erst einmal etwas „wild & laut“. Ist sie wirklich geeignet für Aufklärung?

Dr. Sommer im Videoformat

Einige von uns erinnern sich bestimmt, wie sie früher aus der BRAVO ihr (erstes) sexuelles Wissen bezogen und sich ein wenig „aufgeklärt“ gefühlt haben. Leser:innen hatten die Möglichkeit, Leserbriefe einzusenden, auf die dann in den folgenden Ausgaben Stellung bezogen wurde – von Dr. Sommer eben.

Bei TikTok muss niemand auf die nächste Ausgabe warten. In einer zunächst ungewohnten Art lässt sich hier richtig guter Input finden. Hier eine Liste mit den meiner Meinung nach besten Aufklärungsfeeds:

  1. @gianna-baciobacio – Die „Aufklärerin“
    Gianna Biacco spricht über Sexualität, Tabus und das Erwachsenwerden. Damit begeistert sich inzwischen schon über 600.000 Follower
  2. @getcheex – Mehr als nur „female friendly porn“
    Die sex-positive Porn-Plattform holt sensible Themen aus der Schmuddelecke. Sie klärt auch auf TikTok auf über sexuelles Bewusstsein, diverse Praktiken und sexuelle Orientierungen auf. (Disclaimer: Auch mich findet ihr auf dem getcheex-Kanal bei TikTok)
  3. @amorelie_de – Real Talk statt Toys
    Unter dem Motto #sexyourway deckt der SexToy Hersteller ebenfalls eine große Bandbreite von Themen ab.
  4. hands on V🙌 – Von Frauen für Frauen

    Hier geht um „Sexucation“ und die Frauen hinter dem Kanal versprechen: „Wir gehen weiter als deine Biobücher und reden über Dinge, die du nicht mal deinen Freundinnen erzählst…“
  5. @Umut_oezdemir – Psychologie in 60 Sek.
    Der Diplom Psychologe klärt auf und spricht dabei z.B. über Ängste und Unsicherheiten, die in der Pubertät entstehen, befasst sich mit Scham und weiteren Themen.

Die Videos vermitteln in kurzer Zeit kompaktes Wissen. Dank Bewegtbildformat und Special Effects wird das Ganze gut dosiert und zielgruppengerecht vermittelt. Einige Videos haben auch mir noch das ein oder andere beibringen können. Ich war nicht bloß erstaunt, sondern auch ein wenig wehmütig, dass mir diese Option der Aufklärung damals verwehrt geblieben ist.

Der Bedarf nach Aufklärung ist immer noch groß

Dass es durchaus Bedarf für diese Art der Aufklärung bei TikTok gibt, bestätigten die Ergebnissen einer Umfrage, die ich auf meinen Social-Media-Kanälen gestartet habe. Meine Zielgruppe dort, überwiegend 25-50-jährige User*innen (lt. Insights), schickten mir eifrig Feedback auf die Frage nach ihren Themenwünschen, die in die derzeitigen Lehrpläne aufgenommen werden sollten.

Es kristallisierte sich ein großes Interesse für die Themen sexuelle Gewalt, sexuelle Selbstbestimmung und Diversität/sexuelle Orientierungen. Ebenso die weibliche Lust, Orgasm Gap, Performance Druck beim Mann, Slutshaming und vor allem die richtige Benennung von Geschlechtsteilen, vorrangig der weiblichen Vulva und Vagina. Auch alternative Beziehungskonzepte, gleichgeschlechtliche Ehen und Gender Konzepte aller Art, sollten ihrer Meinung nach vermittelt werden.

Das ergibt auch alles Sinn. Es ist leichter Mädchen zu selbstbestimmten Frauen zu erziehen, wenn wir ihnen keine Scham mit auf den Weg geben, der sie zusammenzucken lässt, wenn sie ihr eigenes Geschlecht benennen sollen. Schamlippen? Vulva Lippen? Scheide? Vagina? Allein hier scheiden sich bereits die Geister und Verwirrung entsteht. Das sollte in einer aufgeklärten Wissensgesellschaft eigentlich nicht mehr der Fall sein.


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