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unerhört: Warum kann ich mich nicht entscheiden?

Unsere Themen in dieser Woche: Zwischen Familie und Affäre. Warum kann ich mich nicht entscheiden? Und: Woher kommt meine Unsicherheit vor der Hochzeit?

Frage:
Ich bin verheiratet und habe seit Jahren eine Affäre. Warum kann ich mich nicht entscheiden?

Ich bin verheiratet und habe einen kleinen Sohn. Vor beinahe drei Jahren traf ich eine Kollegin wieder. Uns hatte früher schon viel verbunden und die Spannung war sofort wieder da. Aus der anfänglichen Affäre wurde eine zweite Beziehung, weil ich merkte, dass sie gleichzeitig auch mein bester Freund wurde. Sie ist der Mensch mit dem ich mich am meisten austausche und der auch meisten von mir weiß. Eigentlich alles, denn dem Rest spiele ich vor, dass meine Ehe funktioniert. Aber meine Affäre fragt zurecht nach einer Entscheidung. Die Liebe, die ich für Beide empfinden, ist unterschiedlich, aber es ist Liebe. Derzeit halte ich Abstand zu meiner Affäre. Wir telefonieren nicht und schreiben wirklich nur das Nötigste. Denn ich kann meine Familie aktuell nicht verlassen. Ich hab mein Schauspielern zu Hause perfektioniert. Meine Frau ahnt gar nichts. Ich bin verzweifelt, hin- und hergerissen und heule mich in den Schlaf. Im Moment habe ich zwei Frauen und doch gar keine. Warum kann ich mich nicht entscheiden?

bzw. Antwort:
Vielleicht warten Sie darauf, dass jemand Ihre Entscheidung für Sie trifft

Sie können sich nicht entscheiden, weil Sie sich – noch – nicht entscheiden wollen. Sie befinden sich immer noch in Ihrer sogenannten Komfortzone und erleben die Angst vor der Veränderung durch eine Entscheidung als furchteinflössender als die aktuelle Situation. Sie wünschen sich eine Veränderung, die ohne Ihr Zutun geschieht. Sie sind zwar todunglücklich und leiden, aber Sie sitzen das Problem aus. Statt dass Sie Ihre Energie aufwenden, eine Lösung zu finden, optimieren Sie Ihre Schauspielkunst. Und seien Sie mir nicht böse, wenn ich so deutlich bin, auch Ihr Selbstmitleid.

Dafür gibt es keinen Grund. Denn nicht das Schicksal hat Sie in diese Situation gebracht, sondern Ihr Verhalten. Das wissen Sie. Es waren Ihre Entscheidungen. Die Wichtigste: Statt mit Ihrer Partnerin die bestehenden Konflikte zu lösen, haben Sie eine sich eine zweite Arena geschaffen. Aus einem Problem wurden zwei und egal was Sie nun tun werden, Sie werden mindestens eine Person sehr verletzen.

Aus der Paarberatung kann ich Ihnen berichten, dass nur sehr wenige Beziehungen eine Affäre, die über ein Jahr andauerte, überstehen. Der Vertrauensverlust durch das „Schauspielern“ ist zu groß. Gerade wenn Sie darin so gut sind, wie Sie schreiben, dann wird Ihnen Ihre Frau ziemlich sicher nicht mehr vertrauen können. Sie glaubte Ihnen so lange ohne Zweifel. Das ist kaum reparabel. Und weil Sie ihr bisher nicht die Möglichkeit gegeben haben, selbst zu entscheiden, wie Sie mit der Situation umgehen soll, wird sie höchstwahrscheinlich nicht nur verletzt, sondern auch sehr wütend sein. Vielleicht werfen Sie nun ein: Ihre Frau habe nichts von der Affäre bemerkt, weil die Affäre ihr nichts genommen hat. Bitte fragen Sie sich, wie Sie das im umgekehrten Fall beantworten würden.

Sie haben sich lange Zeit gegen Ihre Beziehung entschieden. Was ist geschehen, dass Sie jetzt diese Entscheidung in Frage stellen? Welche Gründe bringen Sie dazu, sich jetzt wieder um Ihre Beziehung zu bemühen? Und meinen Sie, dass dies gelingen kann – ohne ganz ehrlich zu sein? Ich möchte Ihnen kein schlechtes Gewissen machen, das haben Sie bereits. Ich kann auch nicht beurteilen, ob es gute Grunde gibt, Ihre Beziehung in Frage zu stellen und welche Versuche Sie unternommen haben, die Beziehung zu retten. Das sind Fragen, die Sie vielleicht in einem Coaching oder einer Beratung klären sollten – auch zunächst alleine ohne Partnerin. Damit Sie für sich klarer werden, was Sie erreichen wollen und wie Sie das erreichen können. Um sich aus Ihrer Komfortzone zu lösen – die längst nicht mehr komfortabel ist – müssen Sie für Veränderung sorgen. Ob es besser wird danach, kann Ihnen niemand garantieren. Aber Sie ahnen ja, dass Sie etwas verändern müssen, weil es längst nicht mehr gut ist. Dafür aber wird eine große Last von Ihrer Schulter fallen und Sie sind dann wieder bereit, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen und zu führen.

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Frage: 
Vor der Hochzeit kommt die Unsicherheit. Sind wir zu unterschiedlich?

Mein Partner und ich sind wirklich glücklich miteinander. Wir ergänzen uns hervorragend und leben auch schon mehrere Jahre zusammen. Im Moment planen wir unsere Hochzeit. Eigentlich alles perfekt, aber ich muss mir immer vorstellen, wie wir ständig streiten. Das Problem: Wir wollen beide auf jeden Fall Kinder, aber haben extrem unterschiedliche Ansichten vom Umgang und der Erziehung. Es gibt Momente, da denke ich, vielleicht trennt man sich besser im Guten jetzt, während man noch relativ jung ist, anstatt im Alter, im Streit, wenn dann Kinder da sind. Aber ich liebe ihn viel zu sehr, um mich von ihm zu trennen und denke mir, vielleicht bekommen wir doch keine Kinder und wer weiß wie die Welt in fünf Jahren aussieht. Diese Gedanken quälen mich immer wieder. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Was soll ich tun?

bzw. Antwort:
Sie haben eine ganz menschliche Sorge vor Verantwortung und Verpflichtung

Sie planen aktuell Ihre Hochzeit. Herzlichen Glückwunsch! Es ist sehr üblich, sich zu einer solchen Lebensstation Fragen zu stellen, die so weitreichend sind wie die Entscheidung, die Sie treffen wollen. Die möglichen Veränderungen verunsichern. Sie fragen sich, ob Sie sich wirklich sicher sein können. Und weil Sie wissen, dass Sie es niemals sein können, beschäftigen Sie sich mit den Aspekten, von denen Sie wissen (oder glauben zu wissen), wo es haken wird. Die anderen, positiven Überraschungen, die das Eheleben für Sie bereithalten wird, kennen Sie ja noch gar nicht. Das ist der Grund, weshalb Sie die Gefahren und Risiken im Moment so intensiv erleben. Sie beschreiben Zweifel, wie sie jedes Paar erlebt, das seine Beziehung auf die nächste Stufe heben will. Was die Partner empfinden, wird vielleicht nicht immer glasklar formuliert, doch die Frage stellen sich beide: „Ist das wirklich richtig, was ich da mache? Kann das überhaupt gut gehen, wo wir doch …?“. Und dahinter fügt jeder Partner seine Fragen und die Unterschiede ein, die ihm einfallen.

Die wenigsten Paare machen das gemeinsam, stattdessen führt jeder Partner seine eigene Liste. Das verunsichert. Ich möchte Ihnen raten, mit Ihrem Partner über Ihre Sorgen zu sprechen. Vielleicht schreiben Sie diese Sorgen jeweils auf einen Zettel. Dann begründet für Sie Ihr Partner, warum er denkt, dass Ihnen dieses Thema so wichtig ist. Und dann umgekehrt. Hinterfragen Sie gemeinsam die Relevanz des möglichen Konfliktes (der ja noch nicht einmal entstanden ist!) und die Ursachen für Ihre Sorgen. Denken Sie dabei an Ihre Kindheit und was Sie erlebt haben. Sie werden feststellen, dass viele Glaubenssätze und Überzeugungen, was „gut und richtig“ ist, durch frühe Erfahrungen geprägt wurden. Ihr Partner hat andere Erfahrungen gemacht und für ihn ist deshalb auch etwas anderes „wahr und richtig“ als für Sie. So wie Sie Ihre Beziehung beschreiben, stehen die Chancen gut, dass Sie damit klarkommen. Falls Sie sich nicht trauen, das alleine als Paar zu machen, suchen Sie sich für eine solche Übung einen Coach oder Berater, der das moderiert und Ihnen hilft, Ihre Gedanken besser einzuordnen. Wichtig ist, dass Sie die Andersartigkeit Ihres Partners respektieren und dass Sie als Paar lernen mit Konflikten umzugehen, für die es keinen Kompromiss gibt. Das erlebt jede Beziehung – das ist nicht schlimm und muss kein Trennungsgrund sein. Sie beide wünschen sich Kinder. Das ist eine große Gemeinsamkeit. Sie eint viel mehr als Sie trennt, wenn Sie genau hinsehen.

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Über den Autor/die Autorin

Eric Hegmann

Liebe macht glücklich. Unser CLO (Chief Love Officer) verantwortet die redaktionellen Inhalte von beziehungsweise. Eric Hegmann ist Autor zahlreicher Bücher rund um Partnerschaft und Partnersuche und berät Singles und Paare. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Bindungsangst und Verlustangst ( Beziehung mit einem Narzissten , Gefangen in einer emotionalen Abhängigkeit) sowie Streit- und Kommunikationskultur von Paaren (Sprache der Liebe). Der Wahlhamburger ist verheiratet und lebt und arbeitet seit 25 Jahren neben der berühmtesten "Liebes-Meile" der Welt: der Reeperbahn.