Wenn man noch nie verliebt war

Noch nie verliebt? Viele Singles geben als Grund für ihr Alleinsein an, sie könnten sich nicht verlieben oder sie hätten den oder die Richtige noch nicht gefunden. Eric Hegmann geht auf Spurensuche

Umfragen zufolge hatten die meisten Deutschen bis sie das Alter Mitte Zwanzig erreichen, etwa fünf Sexualpartner und mindestens eine längere Beziehung, also eine, die zehn Monate überdauerte. Wie immer bei solchen Mittelwerten: Es sind die Ausnahmen, die besonders interessant sind. Was sind die Gründe, wenn sich jemand nicht verlieben möchte – oder kann? Weshalb finden manche Singles trotz zahlreicher Kontakte und Affären keine Partner? Ist es normal, sich nie zu verlieben?

Ich war noch nie verliebt, weil es einfach nie „Klick“ macht

Es mag unterschiedlich ausgeprägt sein bei jedem Menschen, aber der Wunsch und das Bedürfnis nach Bindung gehört zum Leben, ist letztlich sogar lebensnotwendig. Babys ohne Bindung sterben, deshalb ist es auch so prägend für unser Liebes- und Beziehungsleben später, wie unsere erste Bindung abläuft. Sind Bezugspersonen für uns da? Freiwillig und fürsorglich? Oder müssen wir auf uns aufmerksam machen, womöglich in Angst um Hilfe rufen, erleben wir Gemeinsamkeit oder Einsamkeit? Weinen wir uns in den Schlaf oder werden wir im Arm in den Schlaf geschaukelt?

Wer beispielsweise erlebt hat, um Zuneigung erst bitten zu müssen, hat als Erwachsener wahrscheinlich Probleme damit, Liebe als etwas Freiwilliges zu sehen, das nicht erst verdient werden muss. Die Folge: Nur Kontakte, um die es sich zu kämpfen lohnt, erzeugen den Wunsch, mit ihnen zusammen zu sein. Sich nicht verlieben zu können, hat in solchen Fällen dann mit einem ängstlichen Bindungsverhalten zu tun. Die Kandidaten, die sich bemühen, werden nicht wahrgenommen, ausgeblendet oder hängen in der Kumpel- und Freundefalle, aber sie aktivieren nicht das Bindungssystem. Sie erzeugen keine Sehnsucht, weil sie immer da sind und keine Euphorie, weil man sich um sie nie bemühen muss. Dahinter steckt oft noch eine unbewusste Angst vor Nähe. Wer sich nämlich – wenn überhaupt – in unerreichbare Kontakte verknallt, der sorgt durch diese Partnerwahl ja bereits vor, dass daraus niemals eine nahe, intensive Bindung entstehen kann. In der Beratung erlebe ich immer häufiger genau solche Blockaden bei Klienten, sowohl bei Frauen als auch bei Männern.

Ich war noch nie verliebt, weil ich auf den Richtigen warte

Wer sich noch nie verliebt hat, hatte deshalb nicht unbedingt noch nie Sex. Den gibt es auch durch Abenteuer und Affären. Nur ist Sex eben vielfältig: Wir haben ihn aus Lust und Leidenschaft, wir leben unseren Trieb aus, wir sorgen für körperliches Wohlgefühl, bauen Stress ab, wir möchten Kinder – oder wir erleben alles auf einmal, wenn hinzu die Verliebtheit kommt, wenn wir tatsächlich körperlich und geistig verschmelzen und wir miteinander kommunizieren, wie es nur Liebende beim Sex können. Stellen Sie sich vor, dieses Erleben würde Ihnen genommen. Ein furchtbarer Gedanke sicher für die meisten. Wer darauf verzichtet, hat einen guten Grund. In der Beratung höre ich manchmal: „Ich warte auf den/die Richtige/n.“ Wenn ich dann frage, wie sie denn wissen werden, dass es der/die Richtige ist, der da vor ihnen steht, erhalte ich meist die Antwort: „Das werde ich dann schon bemerken.“

Ganz ehrlich, da bin ich mir nicht so sicher. Hören wir Langzeitpaaren zu, also jenen, die dreißig, vierzig oder mehr Jahre zusammen waren und das Material für die ergreifenden Youtube-Videos darstellen, die wir so gerne mit Wehmut ansehen, sprechen nicht von der Liebe auf den ersten Blick, die den Erfolg ihrer Beziehung ausgemacht hat. Die sprechen davon, dass sie beste Freunde sind, dass sie sich immer respektiert hatten, dass sie sich nie wirklich gegenseitig auf den Sack gegangen sind, dass Sie sich ihr Leben lang bemüht haben, Neues und Bewährtes in ihrer Liebe zu pflegen, damit sie immer Geborgenheit fanden und Überraschendes, an das sie sich gemeinsam lange erinnern konnten.

Die Gefahr, dass jene, die warten wollen auf den großen Knall, bisher verpasst haben, Menschen nahe genug heranzulassen, damit die Anziehungskraft sich entwickeln kann, ist gewaltig. Je länger sie warten, umso größer wird sie. Denn wenn das Spielerische aus der Partnersuche verschwindet, kommt die Neugier zu kurz. Stattdessen stehen Erwartungshaltungen, Ansprüche und Anforderungen im Vordergrund. Dies gilt nicht nur für die, die sich noch nie verliebt haben, es gilt auf für die, die sich nach einer Trennung oder langen Single-Phase wieder gerne verlieben würden. Ihnen verbietet die Furcht vor erneuter Verletzung die Annäherung.

Welche Gründe es auch im Einzelfall sind: Wenn Sie betroffen sind, sollten Sie diese untersuchen. Lesen Sie Bücher zum Thema, suchen Sie sich psychologische Beratung oder Coaching. Ganz gewiss nicht, weil Menschen nicht auch alleine ein erfülltes Leben haben könnten, sondern weil sie möglicherweise später bereuen werden, etwas Wundervolles verpasst zu haben. Mit jemandem, der nicht selten genug ganz in der Nähe ist und darauf hofft, dass es beim anderen endlich auch „Klick“ macht.

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