Wann es ganz okay ist, jemanden zu ghosten

Ghosting ist schrecklich, weil es den Verlassenen schmerzt, ohne Angabe von Gründen und Erklärungen plötzlich allein gelassen zu werden. Trotzdem kann es durchaus Gründe dafür geben, den Kontakt zu einem anderen Menschen ohne langwierige Erklärungsversuche abzubrechen, weiß die Autorin Jana Seelig.

Ich habe mich im Laufe meines Lebens nicht nur in Situationen wiedergefunden, in denen ich urplötzlich und ohne, dass ich irgendwelche Anzeichen dafür gesehen hätte, geghostet wurde. Sondern eben auch in solchen, in denen ich mehr oder weniger gezwungen war, mein Gegenüber ohne weitere Erklärungen stehen zu lassen und jeden weiteren Dialog mit ihm abzublocken. Aus Selbstschutz heraus, weil meine Grenzen überschritten und meine Worte – bewusst oder unbewusst – nicht gehört wurden.

Wann es okay ist, jemanden zu ghosten

Als jemand, der Erfahrung mit gleich mehreren emotional missbräuchlichen Beziehungen und auch Freundschaften gemacht hat, muss ich sagen, dass es Momente gibt, in denen es okay ist, andere Personen zu ghosten. Sich nie wieder bei ihnen zu melden und auch auf Kontaktversuche, die eventuell Jahre später erfolgen, nicht zu reagieren. Zum einen wären da die bereits erwähnten missbräuchlichen Beziehungen. Ob es sich dabei um körperliche, sexualisierte oder psychische Gewalt handelt, spielt keine Rolle. In meinen Augen ist es Gewalt, egal, auf welcher Ebene sie nun ausgeübt wird, oder wie „schlimm“ oder „harmlos“ sie nach außen hin auch wirken mag.

Den Gewalttäter mit der Gewalt, die er ausübt, zu konfrontieren, hat zumindest in meinem Fall bisher noch nie etwas gebracht. Vielmehr wurden die entsprechenden Situationen meist vom Täter so herumgedreht, dass am Ende ich schuld war an den Dingen, die mir passiert sind. Die einzige Möglichkeit, dagegen anzukommen? Weggehen. Für immer. Und auf keinen Kontaktversuch mehr reagieren. Auch wenn es natürlich einfacher gesagt ist als getan.

Ghosting als einzige Möglichkeit

Auch das ständige Missachten der gesetzten Grenzen kann ein Grund dafür sein, dass es besser ist, den Kontakt zu einer Person von einem auf den anderen Tag vollständig abzubrechen. Und zwar ohne sich auf ein weiteres Gespräch einzulassen, in dem die bereits vorher klar kommunizierten und gesetzten Grenzen vom Gegenüber wiederholt überschritten werden.

Wer sich ständig respektlos verhält und Grenzen immer wieder einrennt, kann irgendwann einfach nicht mehr erwarten, dass man ihm zum wiederholten Male respektvoll erklärt, warum man dieses und jenes jetzt nicht möchte und den Kontakt am liebsten einschränken oder komplett abbrechen will. In solchen Fällen ist Ghosting leider oft die einzige Möglichkeit, die eigenen Grenzen wieder zu sichern. Das Gegenüber endgültig in die Schranken zu weisen.

Daneben sind Lügen und Manipulation wie zum Beispiel Gaslighting ein Grund für mich, eine Person von heute auf morgen und ohne Angabe von Gründen zu ghosten. Im Laufe der Jahre musste ich nämlich leider feststellen, dass die Personen, die ich beim Lügen erwischt habe, es eigentlich nie gut mit mir gemeint haben. Sei es nun, weil sie mir andere Beziehungen bewusst verheimlicht oder andere Frauen erfunden haben, um mich eifersüchtig zu machen. In einem solchen Moment zieht man dann eben doch besser die Reißleine. Und lässt sich erst gar nicht auf einen verlogenen „Erklärungsversuch“ der anderen Person ein.

Selbstverständlich sollten wir nicht ghosten – oder ghosten müssen. Es gibt jedoch in meinen Augen Gründe, die Ghosting dann eben doch irgendwie rechtfertigen. Und der oberste davon heißt „Selbstschutz“.


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