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Schmetterlinge im Bauch

Mehr Schmetterlinge im Bauch, mehr rosa Wolken, mehr Hollywood: Hallo Drama, ich bin gleich da! Jule Blogt über den wundervollen Zustand des Verliebtseins

Flatternde Schmetterlinge im Bauch, rosarote Wolken und regelmäßige Weltumarmungen. So definieren die meisten Menschen das Verliebtheitsgefühl. In meinem Kopf sieht der ideale Verliebtheitszustand ebenfalls nach Soap und Happy End aus. Ginge es nach mir, sollte man mir schon aus 100 Metern Weite ansehen, dass sich mein Körper gerade im Hormonchaos befindet. Auch wenn ich gegen eine Laterne renne, die Menschen würden mich anlächeln und gutmütig nicken, weil auf meiner Stirn groß und breit „Sorry, ist gerade nicht zurechnungsfähig“ stünde. Aber was hat das mit der Realität zu tun?  „Ich war vorher eigentlich noch nie so richtig verliebt“, gestand mir eine Freundin, die sich gerade frisch getrennt hatte. Obwohl einige Beziehungen hinter ihr lagen, waren ihr die rosa Verliebtheitswölkchen nur zweimal vergönnt. Sie empfand das als Makel. Eine Beziehung führen ohne das überwältigende Gefühl einer frischen Liebe? Pfui. Sagt zumindest die Gesellschaft. Es wird einfach blind erwartet, dass jede neue Liebe elektrisierend und wahnsinnig machend zu sein hat. Wir wollen rote Rosen, Herzchenaugen und tiefe Blicke, also sieh zu, dass du unsere Erwartungen erfüllst! Ja liebe Gesellschaft, ich hab’s verstanden. Ich konnte total nachfühlen, was meine Freundin da gerade durchmachte. Das ständige analysieren der eigenen Gefühle, kann regelrecht verrückt machen.  Danach festzustellen, dass man anscheinend den richtigen Gefühlszustand verpasst hat, ist hart. Die Erwartungen an Verliebtheit sind einfach zu hoch. Wenn ich zu Beginn einer Liebelei entspannt bleibe, reden mir die Medien ein, dass irgendwas falsch sein muss, weil ich nicht komplett geistesgestört durch die Straßen tanze. Was, wenn die Schmetterlinge im Bauch schnell ausgeflogen sind? Was ist falsch an mir, wenn die rosa Wolken schon nach kurzer Zeit einem langweilig blauen Himmel weichen? Zweifel, viele Zweifel schleichen sich in meinen Kopf, wenn die Verliebtheit nicht den so oft gepredigten gesellschaftlichen Normen entspricht.

Reichen die Schmetterlinge im Bauch?

Hollywood, Disney, die haben vorgemacht wie es geht. Wie oft habe ich mich zu Beginn einer Beziehung gefragt: Reicht das? Ist dieses Kribbeln im Bauch genug, um von Verliebtheit und Liebe zu sprechen? Die geforderte Gefühlsexplosion schien irgendwie nicht einzutreten. Oder habe ich sie nicht bemerkt? Wie soll sich das überhaupt anfühlen? Vielleicht sind die Krabbeltiere im Bauch doch nur das blähende Essen vom Vortag. Woran merke ich, dass ich das Richtige fühle? In sich hinein spüren und versuchen Gefühle zu finden, die vielleicht gar nicht da sind, ob das die Lösung ist? Mein Kopf raucht. Mich macht nicht die Liebe wahnsinnig, sondern die Frage, wann sich meine Gefühlslage entsprechend meiner Erwartungen entwickeln würde. „Warum bist du denn mit den Männern zusammen geblieben, trotzdem du nicht über beide Ohren verliebt warst?“, fragte ich meine Freundin, die mir nüchtern entgegnete: „Weißt du, man kann das nicht beeinflussen. Nur weil da keine Herzen durch die Luft flogen, kann man sich trotzdem wohl miteinander fühlen“. Das leuchtete mir ein. Ich begann selbst zu reflektieren, welche Gefühlszustände meine vergangen Beziehungen in mir ausgelöst hatten. Meine Mundwinkel bewegten sich langsam nach unten als ich bemerkte, dass auch bei mir nicht viel los war mit Schmetterlingszucht und so. Im Nachhinein betrachtet, war ich zwar von meinen Ex-Freunden fasziniert, aber eine wahnsinnig machende Verliebtheit hat es nicht gegeben.

Einmal rosa Wolken und zurück

Aber wie kann das sein? Erinnere ich mich vielleicht nur an die Gefühle, die ich kurz vor der Trennung für meine Partner empfand? Möglich, dass sich die Emotionen einer frischen Verliebtheit mit der Zeit verwaschen und mit dem generellen Beziehungsgefühl mischen. Obwohl ich es mit aller Kraft versuchte, ich erinnerte mich nicht an eine frühere rosarote Disney-Liebeswelt. Kurioserweise gab es diese Welt in meinem Leben nur, wenn eine Liebe kurz und schmerzhaft war. So schnell wie der Himmel sich in Liebesfarben färbte, so flink zogen Sturm und Gewitter auf. Plötzlich machte es „Pling“ in meinem Kopf, mir ging sozusagen ein Licht auf. Klar empfindet man schnell gescheiterte Lieben als viel intensiver. Schließlich vereinnahmt das dazugehörige Gefühlschaos uns total. Wo in einer Beziehung Ruhe und Gelassenheit einkehrt, durchleben wir bei kurzen Liebesepisoden nicht nur den rosaroten Himmel, sondern auch die Hölle. Das entspricht doch viel mehr unserer Hollywoodfilm-Vorstellung, oder? Welcher Filmstreifen entwickelt sich denn schon so: kennenlernen, verlieben, Beziehung, glücklich sein? Der würde nicht mal die Goldene Himbeere gewinnen. Für starke Emotionen braucht es Drama. Am Ende sind es nämlich diese starken Emotionen, an die wir uns erinnern, und bei denen die Gesellschaft applaudierend aufsteht, wenn wir mal wieder himmelhochjauchzend zu Tode betrübt durch zu Straßen ziehen. Führe ich nicht gerade eine hoch- und tiefgeschüttelte Beziehung, leuchtet es ein, dass diese irgendwie emotionsarmer erscheint.

Wir hangeln uns von Drama zu Drama, aber ankommen werden wir nie

Der Fehler an der ganzen Sache liegt nun darin, dass wir beide Situationen miteinander vergleichen. Drama vs. gemächlicher Beziehung. Das kann nur schiefgehen. Kein Wunder, dass besonders viele Beziehungen in den ersten Monaten auseinandergehen. Wir wollen mehr. Wir haben auch mehr verdient, wird uns eingeredet. Mehr Schmetterlinge, mehr rosa Wolken, mehr Hollywood. Und das Ende vom Lied? Wie Tarzan hangeln wir uns von Drama zu Drama und wundern uns, warum wir nie am Baumhaus ankommen. Am Ende zählt nicht, wie viele Schmetterlinge ihr Nest in unserem Bauch aufgeschlagen haben, sondern dass wir uns wohl fühlen. „Warst du glücklich in deinen Beziehungen, obwohl das intensive Hormonchaos ausblieb?“, fragte ich meine Freundin. „Ja, irgendwie schon“, antwortete sie und hatte das erste Mal an diesem Abend ein Lächeln auf dem Gesicht.

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Über den Autor/die Autorin

Jule Blogt

Jule ist eine waschechte Berliner Single-Frau Ende 20. Wenn sie nicht gerade “irgendwas mit Medien” macht, schreibt sie einen Blog über das aufregende Leben als Großstadtsingle. Sie bloggt auf juleblogt.de