Muss es denn wirklich ein Prinz sein?

Wenn der erträumte Lebensgefährte aus dem Märchenbuch stammt: Wie sollen Männer da eigentlich mithalten können? Thorsten Wittke über die Ansprüche der Frauen bei der Partnerwahl

Ich sollte beruhigt sein, denn als Mann habe ich es einfach bei der Partnersuche, heißt es. Ich soll tageslichttauglich und authentisch sein. Optik spielt keine besondere Rolle. Das ist zumindest das, was Frauen sagen, wenn es darum geht, wie der Mann fürs Leben denn sein muss. Attraktivität ist also nicht der Schlüssel. Das lässt mich besser schlafen. Die Evolutionslehre scheint Recht zu behalten. Es reicht, wenn ich in etwas der Beste bin, was für die Auserwählte relevant erscheint – und ­ich sie anderen Kandidatinnen erkennbar vorziehe. Das kann ich. Das kriege ich hin. Ich bin ein Normalo, nicht unansehnlich trotz wenig Haar, humorvoll, wertschätzend im Umgang mit Menschen und mit etwas Hirn im Kopf. So wie die meisten Männer, die durch dieses Land laufen. Trotzdem klappt es nicht mit den Matches beim Online-Dating oder mit dem Anlächeln im Club.

Warum das so ist? Weil möglicherweise eine Ambivalenz zwischen dem liegt, was Frau sagt und dem, was Frau tut. Die Ansprüche scheinen doch andere zu sein. Wie ich darauf komme? Egal wohin ich schaue, werde ich mit der Frage nach dem Prinzen konfrontiert. Unter dem tut es die holde Weiblichkeit scheinbar nicht. Vorzugsweise soll er auf einem weißen Pferd, in schimmernder Rüstung daher geritten kommen und ihr sein Königreich zu Füßen legen. Ist dem nicht so, heißt es: „Ich pfeif auf den Prinzen, ich nehme lieber den Gaul.“ Dazwischen gibt es anscheinend nichts.

Was gibt es zwischen Prinz und Gaul?

Mich würde interessieren, ob Prinz Harry, ohne Berufsangabe, bei Tinder häufiger nach rechts oder nach links gewischt werden würde. Ich glaube nach links, das ist zumindest die Vermutung, die ich aus meinen Erfahrungen ziehe. Der Mann hat nämlich schütteres rotes Haar und Segelohren. Ohne seinen Titel ist er ein Normalo und die scheinen nicht so gefragt zu sein. Auf mich macht es den Eindruck, dass das Vorbild für den Prinzen doch eher bei Disney gewählt worden ist. Volles blondes oder schwarzes Haar, strahlende Augen und ein blendend weißes Lächeln. Gutaussehende Männer werden nach rechts gewischt und gedatet, die anderen landen links, so ist zumindest mein Empfinden. Dass auch bei Disney heute die meisten Prinzen hohle Nüsse sind, mit denen außer gegen Drachen kämpfen und Jungfrauen in Not retten nicht viel anzufangen ist, wird da wohl erfolgreich ausgeblendet. Anders kann ich mir nicht erklären, dass meine Single-Kumpels und ich nicht zu irgendwelchen Matches gekommen sind – selbst, als wir testweise vier Wochen jede Frau nach rechts gewischt haben – und entnervt auf diesen Portalen aufgegeben haben.

Keiner von uns sieht aus wie ein Hollywood-Prinz. Wir sind ganz normale Jungs, tragen Brille, haben Geheimratsecken oder schütteres Haar, einen Rettungsring auf den Hüften oder das Sixpack gut unter einem Bauch verborgen. Keiner von uns ist cool und auch sexy wäre nicht das richtige Adjektiv für uns. Dafür sind wir nicht ständig auf der Suche nach Jungfrauen in Not, denen wir unsere Aufmerksamkeit schenken. Die Gefahr, dass wir uns in mehr als eine vergucken, ist also weitgehend gering.


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