Über das optimale Verhältnis von Nähe und Distanz in Beziehungen

Das Nähe-Distanz-Problem kennen viele Paare: Übt der eine Partner Druck aus, zieht sich der andere zurück. Doch ausgerechnet Distanz kann auch Nähe in Beziehungen schaffen, weiß der Beziehungsexperte Eric Hegmann. 

Nähe und Distanz: Ein Kernthema jeder Beziehung

Die Nähe-und-Distanz-Dynamik eines Paares ist ein Minenfeld. Das Bedürfnis nach Nähe und nach Geborgenheit, das ja immer zugleich einen Wunsch nach Verbindung und Anerkennung darstellt, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Wenn ein Partner klammert, dann ist bei ihm das Bindungssystem besonders aktiv und sagt: „Lass mich nicht allein. Ich möchte spüren, dass du da bist, wenn ich dich brauche.“

Dieses Verhalten kennen wir von Kindern, wenn sie um Aufmerksamkeit bitten. Die Erzählung aus der Schule, der Warum-Fragenmarathon oder auch der Hinweis „Schau doch mal!“, all das bedeutet immer: „Bitte sieh mich, zeig mir, dass du mich wahrnimmst!“ Als Erwachsene zupfen wir zwar nicht mehr am Ärmel unseres geliebten Menschen, um Anerkennung und Nähe herzustellen, aber Fragen wie „Was denkst du gerade?“ oder „Steht mir das?“ sind Versuche, Verbindung herzustellen.

Nähe und Distanz bedingen sich gegenseitig

Menschen mit einem ängstlichen Bindungsverhalten verspüren schnell Verlustangst. Ihr Bindungssystem wird aktiviert, sobald der Partner sich distanziert und fehlenden Freiraum beklagt oder einfordert. Ein ganz typisches Beispiel für eine solche Dynamik aus der Beratung:

Sie: Das machst du ständig!

Er: Was mache ich ständig?

Sie: Du ignorierst mich. Alles ist dir wichtiger als ich!

Er: Das stimmt doch gar nicht!

Sie: Wir müssen darüber sprechen. Du machst es in diesem Moment und merkst es nicht einmal!

Er: Du reagierst wieder völlig über!

Sie: Das mache ich nicht!

Er: Ich rede mit dir, sobald du dich beruhigt hast!

Die Geschlechterverteilung einer solchen Unterhaltung ist natürlich nicht bindend. Dieses Gespräch kann ebenso stattfinden, wenn der Mann die Rolle des ängstlichen und die Frau die Rolle des vermeidenden Partners übernimmt. Oft wechseln sich die Partner in ihrem Verhalten nämlich der Situation entsprechend ab. Dann übernimmt der vermeidende Bindungstyp die Perspektive des ängstlichen Typs, das bedeutet, in einigen Situationen wird aus Verlustangst ganz schnell Bindungsangst.

Warum? Weil sich Verlustangst und Bindungsangst sehr viel näherstehen und sich ähnlicher sind, als die meisten Menschen vermuten. Die Ursache ist nämlich dieselbe: Ein grundsätzlich – oder auch nur in diesem Moment – schwaches Selbstwertgefühl.

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