Zwischen vermissen und nicht vermisst werden

Was ist das schmerzhaftere Gefühl? Vermissen? Oder nicht vermisst zu werden? Dieser Frage geht Jana Seelig in ihrer heutigen Gastkolumne nach

Jemanden zu vermissen ist nicht immer ein schönes Gefühl. Wenn man die Person, die man vermisst, eigentlich nicht vermissen sollte, weil man sich getrennt hat und längst nicht mehr an ihr hängen sollte, verursacht es schnell ein ungutes Gefühl im Bauch statt des Herzklopfens, das man verspürt hat, als man noch zusammen war und sich vermisst hat. Einseitig vermissen kann sehr schmerzhaft sein. Weil man weiß, dass das, nach dem man sich so sehnt, nicht mehr da ist und auch nie zurückkommen wird.

Oftmals gelangt man über das eigene Vermissen zu der Frage, ob die andere Person eigentlich auch Sehnsucht hat. Ob sie auch immer noch an einen denkt und das vermisst, was einmal war. Ob sie es sich auch so sehnlich zurückwünscht wie man selbst in den Momenten des Vermissens. Das Grübeln darüber kann dem eigenen Herz Stiche verpassen, die Schmerzen verursachen, die für den Körper kaum zu ertragen sind.

Ich glaube, dass nicht vermisst werden sehr viel schlimmer ist, als selbst zu vermissen. Andererseits – wer sagt uns denn, dass die Person, nach der wir Sehnsucht haben, nicht auch an uns denkt und dabei ein Ziehen im Herzen verspürt? Denn nur, weil sie uns nicht sagt, dass sie noch immer an uns denkt, heißt das ja nicht, dass sie uns komplett aus ihrem Kopf gestrichen hat. Ich zumindest vermisse recht häufig, ohne es der Person gegenüber, nach der ich Sehnsucht habe, auszusprechen. Die Angst vor Zurückweisung siegt in solchen Momenten einfach viel zu oft über das Bedürfnis, die wahren Gefühle einfach mitzuteilen. Der Schmerz wäre nur doppelt so groß, wenn ich über meinen Schatten springen und mein Vermissen vor dem Anderen offenbaren würde. Das dachte ich zumindest bisher.


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