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Wir lieben beide Geschlechter

Max und Joana stehen auf beide Geschlechter. Während Max sich nicht traut, sich zu outen, hat dies Joana schon lange getan und lebt ihre Sexualität offen aus. Für unseren Autor haben sich beide getraut, von ihrem Leben zu erzählen

Max ist sich nicht sicher, was er ist. Er weiß nur, dass er Männer und Frauen gleichermaßen anziehend findet. Er hat sich noch keinem aus seinem Umfeld offenbart, zu groß ist seine Scham und noch größer ist die Angst von seinem Umfeld abgelehnt zu werden. Er ist sich aber sicher, dass es nicht bloß eine Phase ist, dennoch tut er sich schwer, sich selber als bisexuell zu bezeichnen.

Diese Angst ist eine Folge der Reaktionen seiner Umwelt: „Ich finde Schubladendenken blöd. Und dass jeder Bisexuelle fremd geht, halte ich für ein Gerücht. Ich tue mich daher schwer, mich als bisexuell, homosexuell oder heterosexuell zu bezeichnen. Vielleicht weiß ich einfach noch nicht, worauf ich wirklich stehe – oder aber ich mag tatsächlich Beides gerne. Ich komme aber immer besser damit zurecht und vielleicht schaffe ich es eines Tages auch mal mich zu meinen Bedürfnissen zu bekennen.“

Viele Menschen halten Bisexuelle für potenziell untreu

Max macht sich darüber Gedanken, wie wohl seine Eltern reagieren würden, wenn er ihnen erzählt, dass er auf beide Geschlechter steht. Auch fragt er sich, was seine Freunde sagen und vor allem wie seine Freundin damit umgehen würde. Immerhin halten viele Menschen Bisexuelle für potenziell untreu oder polyamorös. Dagegen wehrt sich Max vehement, denn er ist seiner Freundin noch nie fremd gegangen, wie er beteuert.

Max: „Das Schlimmste für mich wäre, wenn sie es heraus bekommt und mich dann verlässt. Ich könnte es ihr nicht mal verübeln. Ich fühle mich aber auch irgendwie machtlos gegen mein Verlangen. Ich mag nun mal beide Geschlechter gerne. Trotzdem will ich sie nicht verlieren.“

Er hat seine Unentschlossenheit, wie er sie selber nennt, schon recht früh bemerkt. Bereits in der Pubertät fand er Jungs und Männer attraktiv und anziehend, obwohl er bis dahin nur Erfahrungen mit Mädchen und jungen Frauen hatte. Er kaufte sich Männermagazine, die er unter seiner Matratze versteckte. Dates hatte er aber zunächst ausschließlich mit dem weiblichen Geschlecht. Vor zwei Jahren jedoch wagte er es dann doch, seinem Verlangen nachzugeben und mit einem Mann zu schlafen. In seiner jetzigen Beziehung mit Kathrin ist er aber glücklich, so sagt er und es fehle ihm auch nur ganz selten etwas.

Max erzählt: „Ich habe gerne mit Mädchen geflirtet. Und mir fehlte es auch an nichts. Ich konnte den Sex genießen. Dennoch habe ich hin und wieder darüber nachgedacht, wie es wäre, mit einem Mann zu schlafen. Irgendwann dann hatte ich auch mein erstes Mal, was ich total schön fand. Jetzt aber bin ich mit Kathrin zusammen. Und ich bin echt verliebt in sie. Sie zu betrügen kam mir zwar nie in den Sinn, auch wenn ich merke dass das Verlangen danach mal wieder mit einem Mann zu schlafen, langsam größer wird. Ich hoffe, ich halte es durch.“

Warum nicht Männer und Frauen gleichzeitig lieben?

So wie Max erging es auch dem Berliner Jürgen Höhn, der aber noch größere Hemmnisse hatte, wie er in einem Artikel im Focus-Magazin beschrieb, sich endlich zu seiner sexuellen Identität zu bekennen. Er besuchte Psychologen, um herauszufinden, warum er so unentschlossen sei. Bis er schließlich herausfand, was er wirklich suchte: nämlich die Erlaubnis Männer und Frauen gleichzeitig zu lieben.

Jürgen Höhn sattelte um und wurde selbst zum Therapeuten. Mehr noch, er gründete vor 25 Jahren das Zentrum für Bisexuelle Lebensweisen in Berlin, eine deutschlandweit bis heute einzigartige Einrichtung, welche Therapiestunden, Telefonberatung sowie Abend- und Wochenendveranstaltungen anbietet. Und die Nachfrage ist immer noch groß, wie er in einem Telefonat angab. Mittlerweile hilft er auch Paaren in Krisen oder Konfliktsituationen, wenn einer der beiden Partner sich zu seiner Bisexualität bekennt und der eine befürchtet, dass der andere ihn betrügen könnte. Denn auch da ist er von überzeugt: „Nicht jeder der bisexuell ist, lebt sein Verlangen aus. Manch einer lebt mit dem Wissen bisexuell zu sein, sein Leben so weiter wie bisher.“

Siegmund Freud war sich sicher, dass die Menschen von Geburt an bisexuell wären. Und laut dem Kinsey-Report von 1948 sind über 90 % der Menschen bisexuell – in unterschiedlichen starken Ausprägungen. Seither haben sich viele Studien mit mehr oder weniger repräsentativer Aussagekraft mit dieser Frage beschäftigt. Zum Beispiel diese von Dr. Gerulf Rieger vom Department of Psychology an der University of Essex in England. Dazu spielte man 345 Frauen Videos von Männern und Frauen beim Sex vor. Anhand der Pupillenerweiterung wurde die Wirkung der Bilder dann untersucht und schließlich vermutet, dass nahezu alle Frauen mindestens bisexuell sein müssten, denn immerhin waren 82% der getesteten Frauen beim Anblick des einen Geschlechts sexuell erregt.

Ob diese Studie jedoch auch tatsächlich beweist, dass alle Frauen lesbisch oder zumindest bisexuell sind, darüber lässt sich streiten. Was diese Studie aber zweifelsohne bewies, ist, dass es für jeden Menschen eine Schublade gibt, wenn man lange genug nach ihr sucht. Zu diesem Ergebnis kam auch Professor Dr. Christoph Ahlers, Sexualwissenschaftler und klinischer Sexualpsychologe, der die Thesen von Freud wie folgt bewertet:

Bisexualität ist die seltenste Form von Sexualorientierung

„Freud gebührt allergrößter Respekt für seine Pionierarbeit in der wissenschaftlichen Betrachtung von Sexualität. Und dabei ist häufig übers Ziel hinausgeschossen – was Pionierarbeiten oft mit sich bringen. Später hat er diese These, genau so wie sein Konzept der Pansexualität relativiert, revidiert und zum Teil zurückgezogen. Die empirische und klinische Sexualforschung hat diese Thesen auch nie bestätigen können. Tatsächliche Bisexualität ist empirisch und klinisch betrachtet die seltenste Form von Sexualorientierung. Sehr häufig eine Selbstetikettierung von Personen, die ihre gegebene gleichgeschlechtliche Sexualorientierung nicht akzeptieren und integrieren können und daher eine Affinität zu diesem Konzept empfinden, weil es alles offenlässt.“

Für Joana (29, Name geändert) gab es nie einen Grund ihre Bedürfnisse geheim zu halten oder gar zu verstecken. In ihrem Umfeld, so meinte sie, gäbe es keinerlei Vorurteile. Generell erlebe sie ihre Mitmenschen als sehr offen und vor allem tolerant gegenüber anderen Lebensweisen. Sie habe viele männliche und weibliche Freunde, die ihre Liebe völlig ausleben. Und auch für sie käme eine offene Beziehung in Frage. Entdeckt habe sie ihr Verlangen sowohl mit Männern als auch mit Frauen zu Schlafen vor etwas mehr als 10 Jahren. Und für sie war schon damals klar, dass sie niemals einen Hehl daraus machen würde.

Nur freie Liebe kann bedingungslos sein

„Nachdem ich das erste Mal mit einer Frau geschlafen habe, war für mich klar, dass ich sowohl Sex mit Männern mag als auch mit Frauen. Derzeit kann ich mir zwar nur eine Beziehung mit einem Mann vorstellen, aber ich wäre zumindest von der Idee nicht abgeneigt, eine offene Beziehung zu führen. Ich bin für die freie Liebe. Denn nur eine freie Liebe kann meines Erachtens nach bedingungslos sein. Und ich habe wirklich keinerlei Bedingung. Ich mag beide Geschlechter gern. Und ich würde mich nicht als lesbisch oder bisexuell bezeichnen, geschweige denn als pansexuell.“

Aktuell ist Joana Single. Sie weiß um die Vorurteile in der Gesellschaft. Nicht jeder, den sie kennenlernt, komme mit ihrer Sexualität klar. Sie ist sich aber sicher, dass wenn die Liebe stark genug ist, dass dann auch das Vertrauen für den jeweiligen Partner wachsen kann. Dann kann auch der Gedanken losgelassen werden, jeder Bisexuelle würde zwangsläufig seinen Partner betrügen.

Treue ist Joana sehr wichtig. Und wenn ihr Partner keine offene Beziehung haben wollen würde, dann würde sie das auch akzeptieren.

„Sich sexuell irgendwo einzuordnen und das ganze mit einem Etikett zu versehen, kommt für mich nicht in Frage“, erklärt Joana. „Warum sollten mir meine Bedürfnisse unangenehm sein? Ich bin nun mal so, wie ich bin und ich bin glücklich so, wie ich bin. Und warum sollte ich mir zusätzlich einen Stempel aufdrücken lassen? Nur um mich dann zu outen oder für irgendwas zu entschuldigen?“

Professor Ahlers meint dazu: „Es gibt nichts zu outen, es sei denn, jemand will sich mit seiner Sexualpräferenz selbst darstellen.“

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Über den Autor/die Autorin

Leonard Anders

Im Jahr 2015 wurde bei Leonard Anders eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Kurz nach seiner mittleren Reife hatte er seinen ersten Zusammenbruch und mit ihm begann eine wahre Odyssee. Er war fast ein Jahr durchweg in der Psychiatrie, überlebte drei Suizidversuche, war obdachlos und kämpfte sich von ganz unten wieder nach oben. Nach erfolgreicher Aufarbeitung seiner verletzten inneren Kindanteile arbeitet Leonard Anders heute als Coach und Lebensberater und hilft Menschen dabei, ihre Glaubenssätze und Trigger aufzulösen.