Wenn du die Liebe nicht genießt, dann machst du sie falsch

In meiner jetzigen Beziehung ist alles ganz anders als bei meinem vorherigen Partner und mir. Wir kommen ohne Drama aus und hatten in den drei Jahren, die wir nun zusammen sind, nur einen einzigen Streit. Das heißt natürlich nicht, dass in unserem gemeinsamen Leben keine Arbeit steckt – sie fühlt sich nur eben nicht wie Beziehungsarbeit an, sondern geht mit einer gewissen Leichtigkeit einher, die kaum Kompromisse fordert und dennoch dazu beiträgt, dass sowohl mein Partner als auch ich uns in der Beziehung verstanden, wertgeschätzt und als die Personen akzeptiert fühlen, die wir sind.

Und so absurd das nun auch klingt: dieses Gefühl der absoluten Leichtigkeit ist für mich manchmal schwerer auszuhalten als die Auseinandersetzungen, die ich von meiner vorherigen Partnerschaft kannte, denn sehr viele Kinofilme, Bücher, Musik meine eigenen Freunde und meine Eltern ließen mich sehr lange Zeit glauben, dass eine Liebe, die nicht anstrengend ist, gar keine richtige Liebe ist, sondern nur ein „sich zufrieden geben mit dem, was man bekommt“.

Rückblickend genoss ich wohl den Schmerz, den ich gefühlt habe, wenn mein vorheriger Freund und ich wieder einmal stritten, diskutierten und uns anschließend versöhnten. Oder besser gesagt: Ich genoss, wie stark ich mich fühlte, wenn wir wieder eine Krise bewältigt hatten, denn ich fühlte mich in meinem „Liebe kann Berge versetzen“-Denken bestätigt, und das gab mir ein gutes Gefühl – das Gefühl, genau das richtig gemacht zu haben, was meine Eltern und viele meiner Freundinnen und Freunde falsch gemacht hatte. Dass ich mit genau dieser Denkweise total daneben lag und mir mehr Unglück aufhalste, als ich an Glück genießen konnte, begriff ich erst viele, viele Jahre später.

Ich möchte keine der Erfahrungen, die ich in meiner anstrengenden und mit viel innerer wie äußerer Arbeit verbundenen Beziehung gemacht habe missen, denn sie hat zu meiner Entwicklung beigetragen und bei allem, was ganz furchtbar war, auch ihre guten, sogar sehr guten Seiten gehabt. Vor allen Dingen aber hat sie mir gezeigt, dass Glaubenssätze wie “Liebe muss weh tun!” zwar irgendwie romantisch klingen, aber eine Liebe, die mehr weh tut als sie guttut, am Ende nicht erstrebenswert ist.

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