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Warum Liebe primär eine Entscheidung und kein Gefühl ist …

Solange ich in einer Paarbeziehung nach maximaler Ich- beziehungsweise Selbstverwirklichung und maximaler Befriedigung meiner Bedürfnisse suche, werde ich in einer Partnerschaft auch genau nur die Potenziale für die Ich-Verwirklichung und die Potenziale für die Befriedigung meiner Bedürfnisse finden.

Nur wenn ich loslasse und mich einer größeren Idee verpflichte, werde ich in und durch die Liebe etwas finden, von dem ich vorher gar nicht wusste, dass es existiert, und ich es deshalb auch gar nicht ansteuern konnte. Wahre Liebe ist deshalb in ihrer Motivation selbst- und ziellos und führt doch an das Ziel und die Erfüllung all meiner Sehnsüchte.

Diese Liebe kann ich in einer Partnerschaft leben, in einer Familie, in meiner Herkunftsfamilie, in Freundschaften oder in anderen sozialen Zusammenhängen, die ich wähle. Liebe ist kein Investment, sondern ein Geben und Schenken, ohne etwas zu erwarten, ohne das Versprechen einer Rückzahlung. Liebe ist, meinen Partner darin zu unterstützen, sein Selbst zu verwirklichen, sogar wenn ich dann im Leben meines Partners nicht mehr vorkomme. Liebe ist nicht das zwanghafte Aufrechterhalten einer Paarbeziehung oder einer Familie. Liebe ist die Fähigkeit zu begreifen, dass etwas anderes als meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse gerade wichtiger ist. Liebe ist der Mut, loszulassen und meinen spontanen Wünschen und Affekten gerade nicht zu folgen. Liebe ist die Fähigkeit, ein Paar- oder Familiensystem in den Frieden und die Harmonie hinein zu regulieren, durch Aktion, durch eigene Verhaltensänderung, selbst wenn dieses Verhalten nicht meinen eigenen Bedürfnissen entspricht – und egal, wie sich mein Gegenüber gerade verhält. Liebe ist Selbstlosigkeit, um in dieser Selbstlosigkeit zu erfahren, wie gut es sich anfühlt, über sich selbst hinauszudenken, hinauszufühlen und hinauszuhandeln. Liebe ist Hinwendung. Liebe ist Dauer, und Dauer ist eine Qualität, die nur durch die Erfahrung von Dauer erfahrbar ist. Dauer ist nicht erzählbar und in drei Minuten nicht reproduzierbar. Um die Qualität einer zwanzigjährigen Beziehung zu erfahren, müssen Sie eine zwanzigjährige Beziehung leben.

Wer kann lieben? Jeder. Aber nicht jeder will lieben. Wir müssen auch akzeptieren, auf Menschen zu treffen, die nicht lieben wollen. Und wir tun gut daran, uns dann von diesen Menschen fernzuhalten, wenn wir selbst in und mit Liebe leben wollen.

Holger Kuntze

Lieben heißt wollen

ISBN: 978-3-466-34683-7

Verlag: Kösel

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Über den Autor/die Autorin

Holger Kuntze

Holger Kuntze, geboren 1967, arbeitet seit 2001 als Paartherapeut und -berater. Studium der Geistes- und Sozialwissenschaften, Ausbildungen zum Psychotherapeuten nach dem Heilpraktikergesetz, zertifizierter Coach für Professional Development und Life-Coach. Als Paartherapeut bezieht er sich auf die Ansätze und Methoden von Jürg Willi, David Schnarch, Steven C. Hayes und Russ Harris (Akzeptanz- und Commitment-Therapie, ACT). Er lebt in München und Berlin.