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Sorgen teilen fällt mir so schwer

Sorgen teilen oder für sich behalten? Jonathan Bern gesteht uns, warum er bereits sein ganzes Leben lang Schwierigkeiten hat, anderen Menschen zu vertrauen

Wenn es mir nicht gut geht, ziehe ich mich zurück. Ich verstecke mich in meinem Schneckenhaus und bin nicht mehr erreichbar. Ich bin es gewohnt, allein klarzukommen. Alles in mich hineinfressen. Ich habe dieses Verhalten nicht ausgesucht, aber es ermöglicht mir, zu überleben. Diese unsichtbare Wand schützte mich in meiner Jugend vor vielen Gefahren. Im Internat musste ich Strategien entwickeln, um mich zu behaupten und um nicht mehr gedemütigt zu werden. Tränen unterdrücken, wenn stärkere Typen ihre Macht demonstrierten. Nachts im Schlafsaal die Zähne zusammenbeißen, weil man sich niemand anvertrauen kann.

Ich habe früh gelernt, dass ich auf dieser Welt allein auf mich gestellt bin. Heute noch brauche ich sehr viel Zeit, um einem Menschen zu vertrauen. Irgendwann habe ich gelernt, mich zu wehren und respektiert zu werden. Ich musste herausfinden, wie man Verbündete für sich gewinnt, aber auch, wie man Menschen manipulieren kann. Mein Wunsch war es, in Ruhe gelassen zu werden. Ich wollte nicht nach Macht innerhalb der Gruppe streben. Ich hielt die anderen Schüler auf Distanz, sie interessierten mich nicht wirklich. Ich blieb meistens friedlich und ruhig, konnte mich aber verteidigen, wenn einer versuchte, eine bestimmte Grenze zu überschreiten. Nach sieben Jahren im Internat dauerte es lang, bis ich mit jemandem eine echte Freundschaft schließen konnte.

Ich teile meine Sorgen ungern

Mit Beziehungen ging es mir später nicht viel anders. Mich auf einen Menschen einzulassen, fiel mir seitdem schwer. Ich teile meine Sorgen ungern, weil ich befürchte, dass meine Partnerin sie nicht wirklich verstehen wird. Woher sollte sie nachvollziehen können, dass die Narben aus meiner Kindheit ab und zu noch schmerzen können? Dafür müsste ich viel mehr über mich verraten, immer tiefer graben und mein Innerstes nach außen kehren. Dies bedeutet in meinen Augen, mich verwundbar zu machen. Das Risiko einzugehen, verletzt zu werden. Mir ist bewusst, dass es eine Frage der Wahrnehmung ist. Aufgrund der Konflikte, die mein Leben bis dahin geprägt haben, empfinde ich so. Andere Menschen entwickeln eine gewisse Resilienz und lassen die Vergangenheit ein für alle Mal hinter sich. Der klügere Weg.

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Über den Autor/die Autorin

Jonathan Bern

Jonathan Bern ist teils in Deutschland und teils in Frankreich aufgewachsen. Seine Wahlheimat bleibt Nizza, wo er mit 17 auf die merkwürdige Idee kam, einen Magister in Germanistik zu machen. In dieser Zeit schrieb er einen Artikel für die renommierteste französische Zeitung "Le Monde" und beschloss Journalist zu werden. Die Zeitung, bei der er einen Job fand, musste nach einem Jahr Konkurs anmelden und so landete er bei einer Airline, um seine Miete zu zahlen. Seitdem träumt er davon, irgendwann ein Buch zu schreiben..