Diese schmerzhafte Sehnsucht

Trotz glücklicher Beziehung überkommt unseren Gastautor immer wieder das Gefühl, da fehlt etwas. Kann man die Sehnsucht vermissen?

Manchmal hat man eigentlich alles. Nachts einen warmen Körper zum Kuscheln, spürt den Atem am Hals, den Herzschlag, der sich langsam dem eigenen angleicht. Perfektion. Ein Moment, so schön, dass er nie vergehen sollte. Dennoch, da drängt sich zwischen das Glück ein Schmerz. So als fehlte doch noch etwas.

Sehnsucht, obwohl die geliebte Person im Arm liegt, ist eigentlich unlogisch. Aber es gibt sie. Wie ein kleiner Stich ins Herz. Ginge das besser? Noch schöner, noch inniger? Und schließlich die bange Frage: Bleibt das so?

Wir wissen: nein. Die Zeit lässt sich nicht greifen wie ein Körper. Die Vergänglichkeit des Moments macht seine einzigartige Schönheit aus. Mit ihr die Furcht: Kommt da noch etwas? Wird die Sehnsucht größer? Oder wächst die Liebe noch weiter für das, was man hat?

In der Liebe soll man vermissen, was man bereits besitzt. Das ist ein Paradox. Und noch paradoxer wird es, wenn man eigentlich glücklich ist und letztlich nur vermisst, zu vermissen. Wenn wir uns verlieben, dann ist die Vorfreude riesig, dann geht es los, voller Kraft und Lust. Weil man nicht weiß, was sich wirklich hinter der nächsten Biegung verbirgt, malt die Fantasie in bunten, schönen Farben einen Weg, wie er sein könnte, nicht wie er wirklich ist. Wenn es den Hügel hinaufgeht, stellt man sich vor, wie leicht es wohl danach bergab gehen wird. Die Ernüchterung kommt nach einiger Zeit, wenn klar wird, dass das Wunschdenken eben nur dies war, Wunschdenken, und die müden Füße schmerzen, die Knie sowieso und, oh je, das bleibt jetzt so bis zum Ziel? Kann die Lösung sein, den Weg zu genießen? Nur wohin soll der führen, ohne ein Ziel? Muss ich mir nicht immer wieder vorstellen, dass es noch schöner werden kann, um nicht auf halbem Weg aufzugeben?

Nach einem Gedankenmodell ist Liebe vor allem Projektion. Der Partner wird zum Spiegel der Person, die wir selbst gerne wären. Deshalb idealisieren wir in der Liebe, wenn wir die höchsten Ansprüche stellen – und wir fallen so tief, wenn wir an ihnen scheitern. Die Enttäuschung über den Partner ist danach immer eine Enttäuschung über uns selbst. Weil wir zu viel verlangt und zu wenig gegeben haben.

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