Sie/Er spielt immer das Opfer. Was soll ich tun?

Woran erkenne ich “Opfertypen”? Welche (unbewussten) Absichten verfolgen sie mit ihrem Verhalten und wie gehe ich mit ewig Leidtragenden um? Unsere Autorin Christiane Lénard klärt auf.

Dieses Verhalten lässt sich mit einem Persönlichkeitstypen beschreiben, der von Scott Frankowski und seinen Kollegen von der Midwestern State University in Texas als „Bedürfnis nach Drama“ oder NFD („need for drama“) bezeichnet wurde. Die Wissenschaftler entwickelten eine Skala um NFD zu messen, die drei Komponenten umfasst. 

Die erste Komponente ist die zwischenmenschliche Manipulation, also die Neigung, andere Menschen kontrollieren zu wollen und sich mit ihnen zu messen. Impulsive Offenheit, als zweite Komponente, zeigt sich in der Gewohnheit, zu unangemessenen Zeiten und Situationen zu sprechen. Die dritte Komponente ist das anhaltend wahrgenommene Gefühl und die Überzeugung ein Ofer der Umstände zu sein, die andere als unwichtig oder banal abtun würden. 

Was lösen sie bei anderen aus? 

Dass diese Verhaltensweisen bei anderen nicht auf Gegenliebe treffen, liegt auf der Hand. Im besten Falle ignoriert man solche Menschen oder geht auf Distanz zu ihnen. Wer umgibt sich schon gern mit jemanden, der einem ständig das Gefühl gibt, für dessen empfundenes Unglück in irgendeiner Weise mit schuldig zu sein. Man fühlt sich manipuliert, ist genervt oder erschöpft. Letztendlich lösen Opfertypen genau das bei ihren Angehörigen und ihrem Umfeld aus, was sie eigentlich mit ihrem Verhalten zu vermeiden versuchen.  

Was haben die Ofer von ihrer Rolle? Welche (unbewussten) Absichten verfolgen sie mit ihrem Verhalten? 

Wenn man in die Psyche dieses Typus einsteigt, wird als Erklärung für dieses Verhalten angeführt, dass das Dramatisieren des eigenen Lebens oder einer bestimmten Lebenssituation dazu dienen könnte, ein emotionales Bedürfnis zu befriedigen, das in der Kindheit nicht erfüllt wurde. Es kann die gelernte Art und Weise sein, überhaupt von Eltern oder Familie gesehen oder gehört zu werden. In dieser Logik wird die negative Aufmerksamkeit als immer noch besser wahrgenommen als gar keine Aufmerksamkeit. Auch auf die Gefahr hin, dass es andere Probleme (Verärgerung und Ablehnung) verursacht. Am Ende ist es allerdings das Erregen von Aufmerksamkeit auf eine Art, die sich als kontraproduktiv erweist. Wenn man allerdings keine Verhaltensalternativen gelernt hat, ist es schwer, aus dieser Rolle zu kommen. Der Benefit der, zwar negativen, Aufmerksamkeit ist ihnen ja gewiss und hält die Dynamik in Gang. 

Opfertyp und Dramaqueen – Wie gehe ich mit ihnen um? 

Keine Frage, wenn Du eine Partnerin oder einen Partner hast, der oder die dazu neigt, alles was im Leben passiert, zu dramatisieren, wird es dir nicht immer leichtfallen, gelassen und ruhig zu reagieren. Manchmal wirst du wütend oder verärgert sein. Und es ist dein gutes Recht, deinen Unmut über dieses Verhalten zum Ausdruck zu bringen und deinem Gegenüber den Spiegel vorzuhalten. Es ist wichtig, dass du zu verstehen gibst, dass es anstrengend ist, auf diese Art von Inszenierung immer mitfühlend zu reagieren. Und auch, dass es nicht immer einfach ist, für die so in Szene gesetzten Belange Verständnis aufzubringen.  

Vielleicht fällt es dir leichter, wenn du dir vor Augen führst, woher dieses Verhalten herrührt und was dein Gegenüber damit beabsichtigt. Letztendlich geht es um das Bedürfnis, von dir gesehen zu werden. Wir alle möchten, dass unsere Lieben uns Aufmerksamkeit schenken, daran ist nichts verwerflich.

Du könntest deiner Partnerin/deinem Partner helfen, indem ihr versucht, den Showteil vom inhaltlichen zu trennen und das, was dein Partner als Problem dramatisiert auf das Wesentliche zu reduzieren. D.h. es geht um Entdramatisierung und darum, Tempo herauszunehmen. Wenn du merkst, dass dein Partner/deine Partnerin gerade wieder aufdreht und sich in seine Rolle des Opfers und ewig Leidtragenden hereinsteigert, bremse und konzentriere ihn auf den Inhalt und die Realität. Bestätige deinem Gegenüber, dass du gern Aufmerksamkeit schenkst, aber dass diese sehr viel mehr von Herzen und leichter kommt, wenn sie weniger eingefordert wird. Über die Erfahrung, dass eine weniger effekthaschende Ausdrucksweise für die eigenen Bedürfnisse die bessere ist, ist es möglich, neue Verhaltensweisen als konstruktiver zu entdecken und sich anzueignen. 

Im Prinzip geht es darum, Bedürfnisse auf eine Art und Weise zu kommunizieren, die andere verstehen und ernst nehmen können und die sie selbst nicht einschränken oder ihnen ein schlechtes Gefühl (z.B. Schuld) vermitteln. Wie immer ist also eine gute Kommunikation der Schlüssel zum besseren Miteinander.  


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