Geht ein Mann zum Arzt…

Wie schon Herbert Grönemeyer absolut richtig bemerkt hat: Männer können alles. Regelmäßig eine Arztpraxis aufzusuchen – sei es bei akuten Problemen oder nur vorsorglich – gehört aber nicht dazu

Ich gehe wirklich nicht oft zum Arzt. Ich schätze, ich komme pro Jahr auf nicht mehr als drei Besuche zu Vorsorgezwecken. Ich bin also weit entfernt davon, hobbymäßig in Wartezimmern herumzusitzen – das Zeitschriftenangebot ist mir aber auch eh eine Spur zu veraltet. Trotzdem schlage ich mit dieser Quote den Großteil meines männlichen Umfeldes (Vater, Freund, Brüder, Freunde) um Längen. Deren Credo scheint zu lauten: Zum Arzt gehen? Ich doch nicht!

Warum die Angst vor dem weißen Kittel?

Die Gründe dafür sind vielfältig, in meinen Augen in 85 Prozent der Fälle aber sowieso vorgeschoben: Die wollen einem nur was verkaufen, überflüssig, brauch ich nicht, ich hab doch nix, das wird von selbst wieder, ich hab das gegoogelt, Zahnvorsorge, Bonusheft, was? Nee… Ich sage nicht, dass es nicht auch Frauen mit dieser Haltung gibt. Oder dass keine männlichen Hypochonder, die einem, wenn man sie nachts um drei wecken würde, sofort ohne zu Zögern ihren Orthopäden, HNO-Arzt, Kieferchirurgen, Urologen und Pneumologen aufzählen könnten. Mein Eindruck ist trotzdem der, dass viele Männer aus Angst nicht zum Arzt gehen und das schlicht und einfach nicht zugeben wollen. Was im Grunde ein totaler Widerspruch ist. Überlegen Sie mal, wie schlimm es um Ihren Liebsten steht, wenn die Erkältungssaison angebrochen ist. Amerikanische Forscher sind übrigens der Frage nachgegangen, warum Männer so selten einen Doktor aufsuchen. Die häufigste Antwort: zu beschäftigt. Ist klar!

Was tun?

Das ist nun die große Frage, die uns besorgte Menschen bewegt, wenn man einen so ausgewiesenen Arztphobiker um sich hat. Ich habe schon diverse Strategien versucht. Vielleicht ist ja für Sie eine passende dabei:

  1. Gemeinsam zum Arzt gehen
    Viele Sachen sind ja erst Recht blöd, wenn man sie allein erledigen muss: Schwiegereltern besuchen, Sport treiben, die Steuererklärung machen. Einfach schnell zu zweit die Impfung abholen, dann lohnt sich auch der Weg mit dem Auto. Klappt aber nicht so gut, wenn ihn die große Sorge umtreibt, beim Anblick der Spritze ohnmächtig dahin zu sinken. Das möchte er sicherlich lieber ohne Ihre Anwesenheit hinter sich bringen.
  2. Mit der harten Wirklichkeit konfrontieren
    Das funktioniert besonders gut bei Männern, die grundsätzlich alles faktenbasiert entscheiden. Dass Männer generell vor Frauen das Zeitliche segnen, dürfte mittlerweile keine Neuigkeit mehr sein. Suchen Sie sich aber noch mehr Daten, Zahlen und Fakten zusammen, die die Notwendigkeit regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen belegen. Bedenken Sie auch, dass es zu fast jeder Studie auch eine Gegen-Studie gibt – das müssen Sie beim Aufbau Ihrer Argumentationsstrategie einplanen. Im Notfall schadet es auch nicht, Horrorszenarien mit Bezugnahme auf das Mittelalter oder Dritte-Welt-Länder aufzumalen.
  3. Das System ausnutzen
    Die allermeisten Deutschen sind krankenversichert, weil es einfach nicht anders geht. Unser Gesundheitssystem ist sicherlich nicht perfekt, weltweit aber trotzdem ziemlich weit vorn. Warum soll man es dann nicht auch ausnutzen? Die Kasse zahlt Vorsorgeuntersuchungen? Dann wäre es doch rausgeschmissenes Geld, diese nicht wahrzunehmen. Und: Zahnbehandlungen und -ersatz tun dem Konto richtig weh, wenn man es versäumt, regelmäßig das Stempelchen fürs Bonusheft abzuholen. So denken sicherlich nicht viele, aber den ein oder anderen Sparfuchs (oder Geizkragen) könnte diese Sichtweise vielleicht überzeugen, doch ab und zu mal den Fuß über eine Praxisschwelle zu setzen.
  4. Belohnen
    Warum soll das, was mit Kindern und Tieren schon seit Menschengedenken hervorragend funktioniert, nicht auch bei erwachsenen Männern klappen? Als Dankeschön für einen absolvierten Besuch beim Haus- oder Zahnarzt etwas in Aussicht stellen, das es sonst nur höchst selten gibt: Vielleicht das aufwendig selbst gekochte Lieblingsessen, einen gemütlichen Schlafzimmer-Abend zu zweit, bei dem Sie sich besondere Mühe geben – sowas. Zugegeben, diese Strategie ist äußerst platt und durchsichtig wie eine frisch geputzte Fensterscheibe, aber wenn es vielleicht doch so einfach ist..?
  5. Bestrafen
    Alles unter Punkt 3 kann natürlich genauso ins Negative verkehrt eingesetzt werden. Das Prinzip ist klar, der Erfolg vermutlich nur ein paar Prozentpunkte weniger wahrscheinlich, als bei der Belohnungsroute. Und ganz ehrlich: auch nicht wirklich förderlich für ein gesundes, erwachsenes Miteinander auf Augenhöhe.
  6. Weinen, schreien, drohen, schlechtes Gewissen machen
    “Du liebst mich ja gar nicht, wenn du dich so wenig um dich selbst kümmerst” oder “Was soll denn mal aus den Kindern und mir werden, wenn du mal nicht mehr bist, WEIL DU NIE ZUM ARZT GEHST!!” – das ist wirklich unterste Schublade der Kriegsführung in einer Beziehung. Soll auf dieser Liste, einfach der Vollständigkeit halber, aber auch nicht fehlen.

Und welche Taktik führt nun wirklich zum Erfolg?

Die beste, immer funktionierende, universell einsetzbare Strategie gibt es wohl nicht. Wer die obige Liste schon mehrfach abgearbeitet hat und immer noch auf durchschlagenden Erfolg wartet, dem würde ich einfach etwas Gelassenheit empfehlen. Das braucht Übung, ist aber die einzige Lösung, die einen selbst vor dem Wut-/Enttäuschungs- oder Sorgen-Magengeschwür rettet. Denn die meisten Männer gehen ja doch irgendwann zum Arzt. Spätestens dann, wenn es stark blutet oder komisch absteht.

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