Erschlag mich nicht mit deinem Rat!

Gute Ratschläge – die vergibt Jule Blogt gerne, besonders in Liebesdingen. Aber ist es eigentlich sinnvoll, Freunden auf diese Weise helfen zu wollen?

Ich habe ein Beziehungs-Helfersyndrom. Berichten mir Freunde und Bekannte über ihre Liebschaften, kann ich nicht anders, als meinen Senf dazu zu geben. Habe ich das Gefühl, dass da irgendetwas nicht rund läuft, packe ich meine – gefühlte – Liebeskompetenz aus und versuche zu retten, was noch zu retten ist. Leider mit wenig Erfolg. Genervte Blicke und eine gewisse Trotzhaltung werden mir entgegen gebracht. Möglicherweise liegt das daran, dass ich oft der Meinung bin, anderen Pärchen würde genau das gut tun, was meine Beziehung auf tolle neue Ebenen hebt. „Geht doch zusammen in einen Tanzkurs. Ihr glaubt ja gar nicht, wie innig das ist. Da gibt es wieder Schmetterlinge im Bauch“, empfahl ich begeistert einer Freundin, die mir mit ihrem neuen Herzblatt gegenüber saß. Doch noch während ich diesen Ratschlag aussprach, verzog sie das Gesicht. „Damit er mir ständig auf die Füße tritt? Du kennst doch das Tanztalent meiner besseren Hälfte, da würde ich schreiend aus dem Kurs rennen“, fiel sie mir ins Wort. Verdammt, erwischt. Da habe ich mal wieder versucht, meine eigenen Erfahrungen auf andere Paare zu übertragen.

Liebe ist keine Schablone

So gerne ich es hätte, fremde Beziehungen zu analysieren und Tipps zu geben, ist keines meiner Talente. Zumindest habe ich es mir eingestanden. Die meisten Menschen verwehren sich leider dieser Erkenntnis. Sie beurteilen die Beziehungen anderer, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen. „Wenn er dir schon nach wenigen Wochen nicht mehr den Hof macht, kannst du das vergessen“, „Man muss sich erst einmal so richtig streiten, um zu bemerken, was man aneinander hat“, „Erwähne bloß nicht deinen Kinderwunsch, sonst nimmt dein Freund die Beine in die Hand“, das ist nur eine kleine Auswahl an „Ratschlägen“, die mir während der letzten Jahre gegeben wurden. Lieb gemeint, wirklich. Das Problem ist nur, dass Ratschläge für fremde Beziehungen meist nicht viel helfen. Die Menschen, die ihre Erfahrungen weitergeben, vermitteln ihre Sicht auf die Liebe und das Konstrukt Beziehung. So als wäre Liebe eine Art Schablone, die man für alles und jeden anwenden könnte. Passt etwas nicht ins Bild, wird es als Risikofaktor angesehen.

A führt nicht immer zu B, wenn es um Gefühle geht

Es heißt ja nicht umsonst Rat-Schlag, jeder gut gemeinte Hinweis wirkt wie ein Schlag ins Gesicht, da es unbewusst heißt: „Du weißt es selbst nicht besser, also muss ich dir helfen.“ Irgendwie kann ich sie aber auch verstehen, die Menschen, die ihre eigenen Erfahrungen gerne mit anderen teilen wollen. Ich kenne das von mir. In mir läuft schnell ein Film ab, wenn mir Bekannte über ihre Beziehungen erzählen. Es genügen Schlagworte, die mein Kopfkino anschmeißen. Sofort geht in mir eine kleine Warnlampe an, die mir ins Ohr pfeift: „Ohoh, war das bei dir nicht genauso? Führte das nicht zu einem schlimmen Streit und einer endgültigen Trennung?“ Es ist meine eigene Panik, die in mir den Ratschlaggeber aktiviert. Ich möchte nicht, dass andere Menschen leiden wie ich. Meine Fehler sollen nicht wiederholt werden. Doch was ich dabei vergesse ist, dass diese Beziehungsschablone nicht existiert. Jede Beziehung ist einzigartig. A führt nicht immer zu B, 5 + 5 ist nicht immer 10, wenn es um Gefühle geht.

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