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Trennung: Wie können Eltern und ihre Kinder trotzdem glücklich werden?

Ein Paar entfremdet sich, entliebt sich, beschließt, getrennte Wege zu gehen. Und mit einher geht die Frage, wie die gemeinsamen Kinder möglichst „unbeschadet“ das Liebes-Aus überstehen können. Der Psychologe und Bindungsexperte Claus Koch zeigt in seinem neuesten Buch „Trennungskinder“ auf, wie Eltern den existenziellen Bedürfnissen ihrer Kinder nach Geborgenheit und Sicherheit, Anerkennung und Selbstwirksamkeit gerecht werden können, ohne sich selbst aus den Augen zu verlieren. Lesen Sie hier einen Textauszug

Schon seit vielen Jahren befasst sich Koch, Freund und ehemaliger Verleger des jüngst verstorbenen Pädagogen Jeper Juul, mit der Rolle von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft. Gemeinsam mit dem Therapeuten Udo Baer (u.a. „Die Weiheit der Kinder“) gründetet er 2016 das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB).

Lesen Sie im Folgenden einen Auszug aus Kochs lebensnahem Scheidungs-Ratgeber „Trennungskinder: Wie Eltern und ihre Kinder nach Trennung und Scheidung wieder glücklich werden“, das am 29. August 2019 erscheint.

Eine neue Welt entsteht – für die Kinder

(…)

Bindungswunsch und existenzielle Bedürfnisse

Ich komme jetzt noch einmal auf das zurück, was ich im zweiten Kapitel
als die »existenziellen Bedürfnisse« eines jeden Kindes und Jugendlichen
ausgeführt habe. Hauptsächlich ging es dabei um die Bedürfnisse nach
• Sicherheit und Geborgenheit
• bedingungsloser Liebe, Vertrauen
• Anerkennung
• gutem Selbstgefühl
• Selbstwert
• Selbstwirksamkeit

Sie alle werden berührt, wenn Eltern sich trennen, und die Frage ist, wie sie diesen Bedürfnissen auch weiterhin am besten gerecht werden können. Dabei spielen auch vorhandene Bindungserfahrungen und erworbene Bindungsmuster eine wichtige Rolle. Kinder, deren Bedürfnisse nach Sicherheit und Anerkennung bei ihren Eltern schon immer auf Resonanz stießen, haben es natürlich einfacher als Kinder, die damit eher schlechte Erfahrungen gemacht haben. So können die Eltern von Kindern mit guten Bindungserfahrungen nahtlos an deren bereits erworbenes Vertrauen zu
ihnen anknüpfen.

Für Kinder, die die Trennung ihrer Eltern an weniger günstige frühkindliche Bindungserfahrungen erinnert, ist die gemeinsame elterliche Zuwendung und Achtung ihrer existenziellen Bedürfnisse jetzt besonders wichtig. Ihre Eltern können in der Trennungssituation übrigens manches nachholen, zu dem sie, aus welchen Gründen auch immer, vor Jahren, als das Kind auf die Welt kam, noch nicht oder nur schwer in der Lage waren. Auch ständige Konflikte mit dem Partner können verhindert haben, dem Bindungswunsch des Kindes angemessen nachgekommen zu sein.

Im Folgenden gehe ich auf die Besonderheiten der jeweiligen Bedürfnisse, die jetzt bei der Trennung der Eltern aufgerufen werden, noch einmal ausführlicher ein.

Sicherheit und Geborgenheit: Wer ist jetzt noch für mich da?

Bei diesem Grundbedürfnis eines jeden Kindes zählen vor allem Anwesenheit, Verlässlichkeit und das Einhalten von Ritualen, wie sie meistens schon vor der Trennung bestanden haben. Es geht darum, den Kindern damit Kontinuität zu vermitteln, damit sie weiterhin unbedingtes Vertrauen zu ihren Eltern haben können. Alle Trennungskinder müssen schließlich damit fertigwerden, das Gefühl einer sicheren Bindung zumindest für kurze Zeit verloren zu haben. Kinder mit einer unsicheren Bindung werden dabei oft stärkere Verlustängste entwickeln. Ihnen hilft besonders, wenn sie jetzt feststellen, dass ihre Eltern sich jetzt besonders um sie kümmern und sie ihnen vertrauen können, dass sie weiterhin für sie da sind. Aber auch Freunde, Bekannte, Verwandte, Erzieherinnen und Lehrer können gerade Kindern mit einem unsicheren Bindungsmuster
mit ihrem Bindungsangebot, oft auch nur vorübergehend, eine große Hilfe sein.

Bedingungslose Liebe: Sie meinen es beide gut mit mir

Eng mit dem Gefühl, sich sicher und geborgen zu fühlen, ist auch die innere Überzeugung der Kinder verbunden, von ihren Eltern so, wie sie sind, also bedingungslos, geliebt zu werden. Ihr Wunsch nach Bindung bedeutet ja nichts anderes, als die Gewissheit zu haben, sich so, wie sie sind, auf ihre Eltern in allen lebensnotwendigen Dingen verlassen zu können. An diesem Bindungswunsch halten Kinder sogar auch dann fest, wenn er ihnen nicht oder nur unzureichend erfüllt wird. Die Liebe zu ihren Eltern ist so stark, dass sie die Kinder immer wieder von neuem hoffen lässt, dass ihre Eltern es gut mit ihnen meinen und ihnen ihre ganze Liebe zurückgeben. Geschieht dies nicht, suchen Kinder häufig nach Begründungen bei sich selbst. Dem Bindungswunsch der Kinder gerecht zu werden, ist jetzt für die Eltern eine besonders wichtige Aufgabe, da er durch ihre Trennung buchstäblich reaktiviert wird. Und es bietet sich sogar die Chance, dabei Versäumtes nachzuholen. Sich den Kindern immer wieder von neuem zuzuwenden, mit Gesten, Blicken und Worten, ohne sie dabei zu überfordern. Sie so, wie sie sind, als Kind oder Jugendlicher, einfach nur anzunehmen. Den Kindern immer wieder das Gefühl geben, geliebt zu werden, unabhängig davon, welche Gefühle sie gerade zum Ausdruck bringen. Ihren Verlustängsten mit Worten und Taten entgegentreten. Versprechen, dass man sie niemals verlassen wird. Dann bleiben die Eltern, auch wenn sie sich trennen, für ihre Kinder ein »sicherer Hafen« oder eine Basisstation, auf die sie sich verlassen können. Das Kind für das zu lieben, was es ist, schafft gegenseitiges Vertrauen. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang sogar von einer Art notwendigem »Urvertrauen«, das das Kind begleitet, wenn es später immer selbstständiger seinen Weg in die Welt zurücklegt.Anerkennung: Sehen und hören sie mich überhaupt noch mit dem,
was ich empfinde?

Ich sprach bereits von dem existenziellen Bedürfnis, anerkannt zu werden, das Voraussetzung für eine gute Bindung und gesunde Ichentwicklung ist: Ich werde gesehen, ich werde gehört, ich werde verstanden, also bin ich. Auf solche Resonanz sollten Kinder und Jugendliche nach einer Trennung nach wie vor vertrauen können. Dazu bedarf es, feinfühlig auf ihre Gesprächsangebote zu achten, ihnen Zeit zu lassen, eigene Fragen zu stellen, und sie authentisch und ehrlich zu beantworten, mit anderen Worten, ihnen nichts vorzumachen, was die meisten von ihnen sowieso schnell durchschauen. Es gilt auch, je nach Alter des Kindes, Gesprächsangebote zu formulieren, ohne von den Kindern und Jugendlichen gleich eine Antwort zu erwarten. Viele ihrer Symptome, die sie zeigen, sollen ihre Verlustängste bändigen, ob sie nun ständig im Mittelpunkt stehen wollen, in ihrer Entwicklung vorübergehend zurückfallen, sich zurückziehen oder zu Wutanfällen neigen, die sie früher
nicht gezeigt haben. Ohne alles durchgehen zu lassen, soll das Kind in der Reaktion seiner Eltern immer das Bemühen erkennen, ihm und seinen Problemen gerecht werden zu wollen, es so zu akzeptieren und zu lieben, wie es gerade ist.

Gutes Selbstgefühl: Bin ich noch wertvoll für sie?

Kinder und Jugendliche empfinden nach der Trennung ihrer Eltern häufig Angst, für sie nicht mehr wertvoll genug zu sein. Warum sonst sollten sie sich entschieden haben, ihr Leiden in Kauf zu nehmen? Ihnen zu vermitteln, dass dieses innerliche Empfinden, an Wert verloren zu haben, nicht zutrifft, ist jetzt besonders wichtig: Wir lieben dich genauso wie vor unserer Trennung, auch und gerade deswegen, weil du doch das Gemeinsame bist, was uns bleibt. Gerade jetzt sollte nicht die Beschäftigung mit den Schwächen des Kindes, zum Beispiel nachlassende Leistungen in der Schule oder auffallendes Verhalten in der Kita, im Vordergrund stehen, sondern das Lob und die Unterstützung seiner Stärken. Das sollte man auch
mit den Erzieherinnen und Lehrerinnen des Kindes besprechen.

Selbstwert: So, wie ich bin, bin ich gut!

Mit dem Gefühl, gehört und anerkannt zu werden, ist das Gefühl verbunden, etwas für sich selbst und andere zu bedeuten. Nach der Trennung der Eltern geht dieses Gefühl manchmal verloren, da sich die Kinder ungefragt zurückgesetzt und nicht gehört fühlen. Bindungsforscher nennen diese Form empfundener Ablehnung »Zurückweisungssensibilität«. Solch mangelndes Selbstwertgefühl »nicht gut genug zu sein«, »dem anderen nicht zu genügen« kann Kinder und Jugendliche, wenn Eltern nach der Trennung nicht dagegen angehen, bis ins Erwachsenenalter begleiten. Die Angst davor, zurückgewiesen zu werden, kann zu Kontaktvermeidung bis hin zu sozialer Isolation führen, auch zu Ängsten, eine Liebesbeziehung einzugehen, aus der ständigen Furcht heraus, mit seinen Bedürfnissen und seinem Liebesanspruch abgewiesen zu werden.

Selbstwirksamkeit: Was kann ich schon gegen ihre Entscheidung
ausrichten?

Mit dem Beschluss der Eltern, sich zu trennen, geht auch das Gefühl von Machtlosigkeit einher. Die Erfahrung, die ich als sicher gebundenes Kind gemacht habe, mit meinen Gesten, Blicken und Worten bei meinen Eltern und in meiner nächsten Umgebung auf Gegenliebe zu stoßen, wird nachhaltig enttäuscht. Jetzt kommt es darauf an, sicher wie unsicher gebundenen Kindern und Jugendlichen dieses Gefühl von Selbstwirksamkeit wieder zurückzugeben oder ihnen von neuem zu vermitteln. Das gemeinsame Gelöbnis (Seite 98 f.) kann dabei eine gute Hilfe sein, Kindern Raum für eigene Initiativen zu geben. Eine weitere Möglichkeit ist, sie für Aktivitäten zu begeistern, bei denen sie außerhalb der Familie etwas bewirken können, egal ob es handwerkliche Tätigkeiten sind, Sport, Musik, Malen oder Theaterspielen. Auch ihre Kritik und Einwände zu akzeptieren, trägt zu dem Gefühl bei, mit den Botschaften, die sie an andere richten, gehört und akzeptiert zu werden.

Aus: Claus Koch, Trennungskinder. Wie Eltern und ihre Kinder nach Trennung und Scheidung wieder glücklich werden © Patmos Verlag. Verlagsgruppe Patmos in der Schwabenverlag AG, Ostfildern 2019. www.verlagsgruppe-patmos.de

Weiterlesen:

Claus Koch
„Trennungskinder
Wie Eltern und ihre Kinder nach Trennung und Scheidung wieder glücklich werden“

18,00 €
ISBN 978-3-8436-1108-4
erhältlich im Patmos Verlag

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