Ein harter Aufprall

Unsere beziehungsweise-Leserin Adjoa erzählt von dem tiefen Fall, den ihre Trennung verursachte und wie ihr schließlich wieder der Aufstieg gelang

Mit gemischten Gefühlen erinnere ich mich daran, wie ich vor fast zwei Jahren meine bis dahin härteste Trennung erlebt habe. Hart, weil ich realisieren musste, dass dieses Traumschloss mit diversen Löchern und allerhand Kratzern einfach nicht mehr das war, indem ich weiterhin leben wollte.

Damals war ich bereits seit Monaten in meiner Beziehung mehr als unglücklich. Eine Beziehung, von der ich mir einbildete, dass sie irgendwann besser werden würde und die aktuelle Phase nur dem Alltag geschuldet wäre. Die Tatsache, dass ich zu dieser Zeit in einem Job festhing, in dem ich beim Betreten des Büros statt unzähliger “Guten Morgen” am liebsten diverse Ohrfeigen verteilen wollte, machte es nicht einfacher. Doch heute weiß ich, dass ich viel früher die Reißleine hätte ziehen sollen. 

Der Abend, an dem sich alles änderte 

Ich lebte mit einem narzisstischen Mann zusammen, der – wenn er mal nicht im Mittelpunkt stand – sich die nötige Aufmerksamkeit über Social Media holte. Auf den ersten Blick wirkte er vernünftig, doch je länger ich mit ihm zu tun hatte, desto mehr gab er preis, wie sehr er von Komplexen zerfressen war. Am Anfang fiel es mir nicht auf und ich konnte es an der ein oder anderen Stelle auch ignorieren. Doch je länger ich mit ihm zusammen war, desto mehr hatte ich das Bedürfnis, ihm vor Augen zu führen, dass er nicht immer im Mittelpunkt stehen konnte. Und er damit klarkommen müsste, wenn andere (mich eingeschlossen) schöne Momente erlebten, die es Wert waren geschätzt zu werden und denen er nicht mit Eifersucht oder Missgunst begegnen dürfte.

An einem Samstagabend wurde mir wieder klar, wie unglücklich ich war. Zum Ende der Beziehung regten mich Kleinigkeiten so sehr auf, dass ich mir vorkam als hätte ich eine Macke. Dass ich mir über unsere gemeinsame Zeit sein enormes Aggressionspotential in Teilen angeeignet hatte, realisierte ich erst, als er aus meinem Leben verschwunden war. 

Eine Kleinigkeit gab den Ausschlag

Es war eine Kleinigkeit, wegen der wir wieder stritten und ich mich zum x-ten Mal fragte, wie es weitergehen soll in dieser Beziehung und ob es nicht doch besser wäre, sich zu trennen. Doch wir waren erst vor kurzem in diese neue schöne und große Wohnung gezogen. Hier wollten wir den nächsten Schritt wagen und jetzt konkreter über Hochzeit und Kinder sprechen. Verlobt waren wir schließlich bereits und ich konnte doch nicht einfach eine Verlobung lösen.

Es musste einfach klappen, denn ich durfte mich nicht geirrt haben. Familie und Freunde hatten uns jetzt schon so lange zusammen gesehen. Nun plötzlich zu sagen, dass wir nicht mehr zusammen waren, das war mir unangenehm bis peinlich. Gepaart mit der Hoffnung, dass am Ende alles gut werden würde, unterdrückte ich in den letzten Monaten der Beziehung die ganzen Zweifel und den Drang nach Ruhe und Frieden. Stattdessen hielt ich an einer Verbindung fest, die mich nur glücklich machte, wenn mein angeblicher Partner gar nicht da war. Wenn mein angeblicher Partner nicht mal mit mir im gleichen Bett schlief. 

“Ich werde dir niemals verzeihen.”

An diesem Samstagabend wurden diverse Beleidigungen beiderseits per Textnachricht ausgetauscht, bis der entscheidende Satz seinerseits fiel: “Ich werde dir niemals verzeihen, egal wie oft du dich entschuldigst.” 

Dieses Statement saß und zwar nachhaltig. Meine letzten Worte an ihn: ,”Wenn ich immer verzeihen muss, aber selber keine Chance bekomme, dann nützt das hier nichts. Wir sollten uns trennen!” Diesmal (im Gegensatz zu den Malen davor) gab es für mich keinen Zweifel mehr. Dies war einer jener Momente, in denen ich wusste, dass es das gewesen war und ich an dieser Stelle auch nicht mehr diskutieren oder hart mit mir ins Gericht gehen musste.

Es gab kein zurück mehr. Jetzt war ich allein

Nachdem ich diese Nachricht abgeschickt hatte, realisierte ich, dass es kein Zurück mehr gab. Ich war mit einem Schlag allein. Alles würde sich auflösen, wir würden nicht mehr zusammen sein oder sogar zusammen wohnen. In diesem Moment war es mir allerdings wichtiger, dass ich in der Wohnung bleiben konnte, denn ich sah hier meine Zukunft.

So knallhart ich in manch platonischer Beziehung die Reißleine gezogen hatte, umso schwerer fiel mir dies in meinen Liebesbeziehungen. Denn es gehörte für mich persönlich immer viel Mut dazu, mich auf eine Beziehung einzulassen. Wenn ich einmal gewillt war, eine Freundin zu sein, dann wollte ich eben auch, dass es klappt. Für mich war es immer eine kleine Vorstufe zum richtigen “Bis dass der Tod uns scheidet”.

Fun fact: Im Nachhinein fand ich heraus, er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine neue Frau kennengelernt und hielt mich nur hin. Heute denke ich, er hatte wohl geglaubt, dass er wahnsinnig clever wäre und die Kontrolle über die Situation hätte. Er wollte es scheinbar so lange mit mir aushalten und seinen Trieb befriedigen, bis es mit der Neuen wirklich funktionierte.

Mir war alles egal

Ich schickte meiner besten Freundin an diesem Abend eine verheulte Sprachnachricht lies mich aus der Ferne trösten. Er kam später nach Hause, um – für ihn typisch – auf mich einzureden, dass ich an allem Schuld habe und er das Opfer sei. Zu dem Zeitpunkt war mir schon alles egal. Am liebsten hätte ich gerne den nächstbesten Gegenstand nach ihm geworfen. Stattdessen machte ich meinen Kram, während er hinter oder neben mir lief wie eine Furie und nur Müll erzählte. 

Zwei Wochen nach der Trennung verließ er die Wohnung. Ich hatte mich zu dieser Zeit bereits daran gewöhnt, dass ich Single war. Ich arbeitete länger und wenn ich nach Hause kam, verschwand ich im ehemaligen gemeinsamen Schlafzimmer. Ich ging nur raus, um auf Toilette zu gehen oder mir etwas zu Essen zu machen. Ansonsten war jeglicher Kontakt zu ihm für mich unnötig.

Ich hatte meinen engsten Freunden und der Familie gesagt, dass ich wieder Single war. Es war nicht einmal mehr peinlich, denn ich hatte nach dem endgültigen Schlussstrich durch viele Einzelgespräche immer wieder erkannt, wie toxisch diese Beziehung gewesen war. Wie sehr ich mich in ihr verloren und mich ein großes Stück weit aufgegeben hatte, um viele Auseinandersetzung zu vermeiden.

Ich hegte Zweifel, ob ich jemals wieder bereit sein würde, eine Beziehung einzugehen und ob diese dann nicht auch wieder so enden würde. Diesen Gedanken konnte ich relativ schnell ganz nach hinten in meine Gedankenwelt verbannen, denn nach seinem Abgang musste und wollte ich aufräumen, doch ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich die Kraft hatte, dies noch in den nächsten Tagen und Wochen durchzuziehen. 

Zweite Chance   

Ich begann die Wohnung zu putzen. Dabei stellte ich fest, dass das Wohnzimmer, das er zuletzt bewohnt hatte, fürchterlich stank. Couch und Fernseher hatte er wohl, während ich arbeiten war, verkauft. Ich fegte also durch alle Räume und hörte dabei Afrobeats. Schickte Bilder in unseren Familienchat und besonders mein Vater war begeistert, wie sauber es war. Ich bin semi-unordentlich, doch mit ihm hatte ich irgendwann auch keine Lust mehr alles zu machen und liess seinen Dreck liegen. Ich hatte gelernt wegzuschauen und meine eigenen Sachen zu erledigen. Im Familien-Chat regnete es Lobeshymnen und ich tanzte von Zimmer zu Zimmer. 

In den nächsten Tagen war mein Bruder häufig da, um mich mental beim Aufräumen zu unterstützen. Während ich aufräumte, bediente er sich an meinen Vorräten und lästerte über den Ex. Zum Schluss nahm er noch die Sachen mit, die er gut fand. Ich konnte mit dem ganzen Sportzeug (Tabletten, Pulver, etc.) eh nichts anfangen. Wenn mein Bruder nicht vor Ort war, schickte er mir lustige Bilder und ergötzte sich an den gratis Sachen, die er bei mir abgrasen konnte. Manchmal vergaß er vor lauter Freude, dass ich eine Trennung durchmachte. Das stieß mir zwischendurch echt bitter auf und brachte das ein oder andere Mal Tränen hervor.

Meine Eltern halfen mir – meistens

Meine Eltern riefen mich täglich an. Manchmal jeder einzeln, manchmal zusammen über den Lautsprecher. Als erstes fragten sie, wie es mir ginge, dann wie weit ich mit der Wohnung wäre. Ob ich noch etwas vom Ex gehört hätte und danach kam, wie undankbar er doch gewesen war. Als sie erfuhren, dass er eine neue Freundin hatte, bat mein Vater mich, dass ich mit dem Mädchen rede und ihr sage, was er für ein Mensch sei. Das war einer von wenigen Momenten, in denen ich mehr als wütend wurde und das Thema beendete. Ich war dabei mein eigenes Leben aufzuräumen und hatte absolut kein Interesse daran, zur neuen Flamme Kontakt aufzunehmen. Weder war sie meine Freundin, noch hatte ich Lust mich in ihr Liebesleben einzumischen.  

14 Tage lang bekam ich dank des Statuses “betrogenes, verlassenes Kind” die volle Aufmerksamkeit meiner Eltern und danach verabschiedeten sie sich in ihren wohlverdienten Urlaub Richtung Ghana. Ich musste noch bis zum Ende des Monats ausharren, bis es für mich ebenfalls in meine Heimat ging. Mit dem Vermieter war alles abgeklärt, ich durfte nach dem Auslaufen des gemeinsamen Mietvertrages in der Wohnung bleiben und mir einen Untermieter suchen. Dennoch reiste ich müde, unentspannt und genervt nach Ghana. 

Urlaub in Ghana – Endlich Abstand

Ghana war in jeder Hinsicht Balsam für meine Seele. Ich konnte zweieinhalb Wochen abschalten und mich von meiner Cousine und ihren Kindern bespaßen lassen. Den Namen des Ex wollte ich nicht hören. Ich war mittlerweile in der Wut-Phase angekommen. Nicht nur, weil er so viel Müll in der Wohnung gelassen hatte, sondern weil ich merkte wie hart ich meine Zeit mit ihm verschwendet hatte. 

Meine Mutter hatte natürlich jedem erzählt, dass ich getrennt war. Trotz des offensichtlich wundervollen Wetters setzte die Entspannung deshalb nicht sofort ein. Nicht zuletzt auch, weil man durch die kurzen Shirts nun meine Narbe auf dem rechten Oberarm sehen konnte. Eine Narbe, die ich bei dem letzten großen Streit von ihm erhalten hatte. Eine Narbe, mit der ich nicht beim Arzt war und die von alleine zugewuchert ist und nun einfach hässlich aussieht. All die Fragen nach der Narbe oder ob ich etwas von ihm gehört habe, sie nervten mich so sehr. Ich wollte doch einfach nur entspannen. Ich wollte einfach eine Pause haben und nicht darüber nachdenken, dass ich Single war, dass ich einen Trümmerhaufen in Deutschland gelassen hatte oder aber wie es überhaupt weitergehen sollte.

Ich wusste absolut nicht, was in Deutschland auf mich zukommen würde und das machte mir insgeheim Angst. In Ghana war ich für den Moment sicher und ich wollte meine Zeit nur genießen und so viel Kraft tanken wie irgend möglich. Denn ich konnte bis dahin nur erahnen, dass die nächsten Wochen und Monate vor allem anstrengend werden würden.

Während ich also bemüht war, in Ghana die Seele baumeln zu lassen, musste ich erkennen, dass das andere Geschlecht scheinbar immer noch interesse an mir hegte. Plötzlich fand ich mich in Szenen wieder, in denen mit mir geflirtet wurde. Ich war das absolut nicht mehr gewohnt.

Warum genau starrt dieser Typ mich an? Warum labert er mich an? Auf der einen Seite machte mir das wieder bewusst, dass ich ein Kind von schönen Menschen bin. Auf der anderen Seite war der Hass auf alles, was einen Penis hatte, noch sehr groß und ich hatte keine Nerven, mich mit einem davon auseinanderzusetzen. Nicht einmal zum Spaß.

Alles war wieder auf Null gesetzt

Am Ende verließ ich Ghana gestärkt und dennoch ein wenig ängstlich in Richtung Deutschland. Alles in meinem Leben war auf Null gesetzt und ich musste nun schauen, wie es wirklich für mich und mit mir weitergehen sollte. Ich wusste, ich wollte wieder glücklich werden. Abgesehen von einer neuen Arbeitsstelle, hatte ich jedoch keine Ahnung, was mich noch freudig stimmen würde. 

Dass ich am ersten Abend in Deutschland dann aus meiner Wohnung fliegen würde, war damals nicht Teil des Plans. Als ich das erfuhr, hab ich mich auf mein Bett gesetzt und bittere Tränen vergossen.

Aber aus heutiger Sicht betrachtet: Mir hätte mir gar nichts Besseres passieren können. Denn nach diesem Totalabsturz ging es schließlich nur noch bergauf.

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