unerhört: Seit so langer Zeit kommen wir uns nicht näher. Soll ich besser aufgeben?

Unsere Leserin bemüht sich nun bereits seit Jahren um einen Kontakt. Kann aus der so entstandenen Freundschaft irgendwann noch eine Liebesbeziehung werden?

Antwort: Sie benötigen eine Veränderung. Setzen Sie sich und ihm dazu eine Frist!

Zunächst möchte ich Ihnen aus meiner Erfahrung heraus sagen, dass Beziehungen, die kompliziert beginnen, selten im Verlauf einfacher werden. Ihre Beziehung dauert nun schon eine lange Zeit und tritt in ihrer Entwicklung hin von einer sehr stark freundschaftlichen Beziehung zu einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung auf der Stelle. 
Nach Ihrer Schilderung haben Sie den Eindruck oder zumindest die Befürchtung, er hält sie hin, denn er sucht weiterhin wohl auf der Online-Plattform nach Kontakten.

Ich fürchte auch, Ihre Vermutung über die sexuelle Anziehungskraft, die er für Sie empfindet, ist richtig. Natürlich ist Intimität nicht für jeden gleich wichtig, doch scheint mir seine Aussage „er sei nicht verliebt“ eine andere Richtung aufzuzeigen, nämlich fehlende Leidenschaft oder sexuelle Anziehung. 

Sie kennen ihn nun bereits sehr lange und Sie beide sind mittlerweile zeitlich in einer Phase Ihrer Beziehung, in der bei einigen Paaren Intimität bereits nachlässt zugunsten tiefer Freundschaft, Geborgenheit und Vertrauen. Ich zweifle, dass zwischen Ihnen nun noch „der Knoten platzt“ und danach eine unbeschwerte und befriedigende Sexualität möglich ist.

Weil Sie sich eine Beziehung mit einem Partner wünschen, der Ihnen zeigt, dass er Sie nicht nur freundschaftlich und menschlich, sondern auch sexuell begehrenswert findet, muss diese Situation für Sie schon sehr lange sehr schmerzhaft sein. Es ist verständlich, dass Sie sich nun zurückgezogen haben. Doch bringt eine Kontaktsperre keine Antworten auf Ihre Fragen und stattdessen grübeln Sie alleine zuhause – und finden keine Antworten. Meine Vermutung ist, dass Sie ohne einen wie auch immer gestalteten Abschluss schwer loslassen können. Deshalb: fragen Sie sich, ob Sie nicht noch einmal mit ihm all die Fragen, die Sie bewegen, besprechen wollen.

Dass er bisher alle Intimität abgeblockt hat, kann ein Zeichen sein, dass er Sie nicht verletzen wollte. Denn wenn Ihre Beziehung sexuell gewesen wäre ohne dass er eine Beziehung mit Ihnen eingehen wollte, wären Sie zurecht enttäuscht und verletzt und fühlten sich noch mehr als Übergangspartnerin. Meine Vermutung ist, so wie Sie ihn und Ihre Beziehung beschrieben haben: Er ist Ihnen zugetan, aber er hält Distanz zwischen Ihnen, denn er möchte nicht, dass Sie verletzt werden. Das sagt einerseits, dass er verantwortungsbewusst handelt – und gleichzeitig die Verantwortung nicht übernehmen möchte, um sich vor Ihrer Reaktion zu schützen.

Es kann sein, dass er nach seiner letzten Trennung große Bindungsängste entwickelt hat, um erneuten Trennungsschmerz zu verhindern, indem er keine Nähe zulässt. Doch in diesem Fall wäre es an ihm, an dieser Furcht zu arbeiten. Bindungsängste gehen selten weg, indem man sich auf eine Beziehung (in welcher Form auch immer) einlässt und dann abwartet, bis die Angst vergeht. Das kann funktionieren, hat es aber in ihrem Fall offenbar nicht.

Meinen Sie, Ihnen beiden gelingt ein solch klärendes Treffen? Ich vermute, dass es auch für ihn hilfreich wäre. Auf jeden Fall wird es, unabhängig vom Ausgang, Ihnen helfen, diese Beziehungserfahrung zu verarbeiten. Wenn Sie dies tun, dann möchte ich Ihnen empfehlen, dies mit konkreten Fragen und Absichten zu tun und zu Ihrem eigenen Schutz eine Frist zu setzen, bis wann sich was verändert haben muss, damit Sie noch eine Chance sehen.

Wenn Sie aber lieber nun eine freundschaftliche Beziehung mit ihm eingehen möchten, dann würde ich Ihnen raten, dies erst nach einer zeitweiligen Kontaktsperre zu tun und vielleicht erst, nachdem Sie für einen anderen Mann Gefühle von Verliebtheit erlebt haben. Die Gefahr ist sonst sehr groß, dass Sie in einer Wartestellung verharren und enttäuscht werden. 

unerhörtehrlich

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