unerhört: Er leidet unter Bindungsangst

Unsere Themen in dieser Woche: Weil seine Ex ihn betrogen hat, fürchtet er sich vor Nähe. Was kann ich machen? Und: Er hat eine Vergangenheit als Frauenheld

Frage:
Was kann ich gegen seine Bindungsangst ausrichten?

Ich habe vor einigen Monaten einen Mann kennengelernt. Es passt alles, außer dass er ein Problem hat, sich zu binden. Seine Ex-Freundin hat ihn übel betrogen. Er empfindet zwar nichts mehr für sie, und er führte auch andere Beziehungen seither, aber die haben nie gehalten. Als wir uns näher kennenlernten, lief alles super: Wir unternahmen viel, ich schlief häufig bei ihm. Es fühlte sich an wie in einer Beziehung. Doch dann kam für mich der Schlag in die Magengrube. Er sagte mir, dass er seit dieser Beziehung unter einem Bindungsproblem leide. Er fühle sich von unserer Beziehung unter Druck gesetzt und eingeengt – obwohl ich ihm sehr viele Freiheiten lasse. Was kann ich tun, wie kann ich ihm helfen?

bzw. Antwort:
Leidet er tatsächlich unter Bindungsangst, dann wird er selbst aktiv etwas dagegen unternehmen

Nach Ihrer Beschreibung kann es sich tatsächlich um eine Bindungsstörung nach einer sehr unglücklichen Beziehung handeln, die Ihr Partner durchlebt. Schlechte Erfahrungen sollten erst aufgearbeitet werden, damit neue, gute Erfahrungen wieder möglich sind. Ob das bei Ihrem Partner zutrifft, lässt sich aus der Ferne nicht seriös beurteilen. Es ist möglich. Wäre es so, leidet er unter der Angst, erneut verletzt zu werden und lässt deshalb mehr Nähe nicht zu. Was können Sie da machen? Leider nichts, außer zu versuchen, seine Ängste durch ihr Verhalten zu entkräften. Das kann aber bedeuten, dass Sie sich dafür stark einschränken müssen. Ob das wiederum Sie glücklich macht, müssen Sie entscheiden. Sicher werden Sie ihn aber nicht ändern können. Sollte seine Bindungsangst so groß sein, dass er selbst darunter leidet, müsste er sich hierfür professionelle Hilfe suchen. Umgekehrt ist es aber so: Macht er das nicht, ist sein Leidensdruck doch nicht so groß – und seine Bereitschaft, etwas zu verändern, gering.

Möglicherweise erleben Sie aber auch gerade eine Rückzugsphase, wie sie in sehr vielen Beziehungen nach den ersten Monaten aufkommt. Jetzt entscheidet sich, ob man gemeinsam weitermachen möchte, ob die Zuversicht groß genug ist, auch in Zukunft ein Paar bleiben zu können. Bindungsangst ist dann möglicherweise eine vorgeschobene Selbstdiagnose, bewusst oder unbewusst, um keine Schuldgefühle aufkommen zu lassen. Nach meiner Erfahrung ist Bindungsangst, falls es sich darum tatsächlich handeln sollte, etwas, wogegen Sie wenig ausrichten können. Natürlich können Sie sich bemühen, ihn von sich zu überzeugen. Doch dabei besteht immer die Gefahr, dass Sie sich unterdessen aufgeben und Ihre Bedürfnisse unterordnen. Auf Dauer wäre Ihre Partnerschaft nicht ausgewogen oder gleichberechtigt. Sie würden in eine emotionale Abhängigkeit geraten, die eine ausgewogene Paar-Dynamik schwierig macht. Außerdem die Gefahr, dass er sich hinter seiner Bindungsangst versteckt und als Argument nutzt, um Sie nicht zu verletzen. „Es liegt an mir, nicht an dir …“ Prüfen Sie, bevor Sie sich weiter engagieren, ob das eine Möglichkeit ist.

 

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Frage: 
Er war ein Frauenheld. Seine Vergangenheit belastet mich

Ich bin seit über einem halben Jahr vergeben an einen tollen Mann (er ist acht Jahre älter und deutlich erfahrener als ich). Er war er vor mir in einer jahrelangen Beziehung. Sie hat ihn am Altar stehenlassen. Es dauerte Jahre, bis er dies überwinden konnte. Er überstand nur mit Mühe diese Phase und war sogar wegen Depression in Behandlung. In dieser Zeit hat er es in Sachen Frauen ordentlich krachen lassen. Also so richtig. Nun weiß ich, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte und man seinen Partner mit dessen Vergangenheit annehmen muss. Aber mich belastet dieses Wissen, auch weil ich selbst absolut kein Mensch für unverbindlichen Sex bin und dieses Verhalten nicht nachvollziehen kann. Mich macht das extrem fertig und ich weiß, dass ich eine Lösung für mich finden muss, weil mich das auf Dauer kaputt macht und meine ansonsten schöne Beziehung ruinieren wird.

bzw. Antwort:
Können Sie diese Phase seines Lebens aus einem anderen Blickwinkel betrachten?

Sie schreiben „Mich belastet dieses Wissen“. Mein Eindruck ist, Sie belastet nicht allein, was Sie wissen, sondern auch gleichzeitig, was Sie ahnen. Sie waren nicht dabei. In Ihrer Vorstellung spielt sich das ‘krachen lassen‘ möglicherweise viel heftiger ab, als es war. Es ist nur menschlich, Situationen aus der eigenen Wahrnehmung heraus zu betrachten und eben auch zu werten. Sie sind jünger als er und die „sehr lange Beziehung“, wie er sie führte, kommt Ihnen wie ein halbes Leben vor. Aus Ihrer Sicht ist unverbindlicher Sex ein schlechtes Verhalten. Möglicherweise erreichen Sie durch einen Perspektivwechsel, dass Sie wertfreier und schmerzfreier die Situation betrachten können: Vor dem Altar stehen gelassen zu werden, wäre für nahezu alle Menschen ein traumatisches Erlebnis. Wie Sie das beschreiben, war Ihr Partner sehr verletzt und benötigte therapeutische Behandlung. In dieser Phase hat er möglicherweise ganz anders gehandelt, als er jemals von sich selbst dachte, dass er handeln würde. Vermutlich haben Sie bisher selbst mit solchen Gedanken das Verhalten Ihres Partners versucht, zu erklären und – in Ihrem Wertesystem – zu verteidigen. Weil Sie überzeugt sind, um sich so zu verhalten wie er, etwas ganz Einschneidendes passiert sein muss. Mit dieser Erklärung bleiben Sie innerhalb Ihrer Glaubenssätze, finden eine Rechtfertigung, fühlen sich aber unwohl, weil Sie natürlich den Auslöser nicht nachfühlen, sondern nur erahnen können. Das wird sich mit dieser Strategie vermutlich auch nicht ändern.

Ein anderer Ansatz wäre, zu akzeptieren, dass Ihr Partner offensichtlich – und sei es nur in bestimmten Situationen – andere Glaubenssätze und Werte hat als Sie. In welchen Bereichen unterscheiden Sie sich denn noch? Vielleicht hilft Ihnen der Gedanke, dass Unterschiede eben auch Ergänzungen sind. Dass es für Sie als Paar sehr hilfreich sein kann, wenn nicht beide Partner die gleichen Schwächen und Stärken haben. Wie können Sie das erreichen? Indem Sie sich offen über Ihre Sorgen und Ängste austauschen. Vielleicht gelingt es Ihnen, seinen Prozess der Heilung nicht als Bedrohung, sondern als Beleg seiner neuen Stärke zu betrachten. Immerhin leidet er heute nicht mehr unter den von Ihnen beschriebenen Symptomen. Er ist mit Ihnen zusammen. Er flüchtet nicht vor Nähe. Sie mögen seine „Behandlungsmethode“  für nicht gut (und völlig ungeeignet für sich selbst) halten, doch möglicherweise war diese für ihn genau der Weg, wieder eine Person zu werden, die Nähe und Vertrauen zulassen kann. Heute profitieren Sie aus dieser Sicht sogar davon, dass er sich damals so verhalten hat. Sie müssen ihn dafür nicht loben, aber vielleicht können Sie es am Ende sogar wertschätzen. Und sei es nur aus Eigennützigkeit.

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Über den Autor/die Autorin

Eric Hegmann

Liebe macht glücklich. Unser CLO (Chief Love Officer) verantwortet die redaktionellen Inhalte von beziehungsweise. Eric Hegmann ist Autor zahlreicher Bücher rund um Partnerschaft und Partnersuche und berät Singles und Paare. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Bindungsangst und Verlustangst ( Beziehung mit einem Narzissten , Gefangen in einer emotionalen Abhängigkeit) sowie Streit- und Kommunikationskultur von Paaren (Sprache der Liebe). Der Wahlhamburger ist verheiratet und lebt und arbeitet seit 25 Jahren neben der berühmtesten "Liebes-Meile" der Welt: der Reeperbahn.