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Wofür ich dankbar bin

Thorsten Wittke blickt zurück – aber nicht im Zorn, sondern voller Dankbarkeit. Denn wir sind die Summe unserer Erfahrungen. Was wir erlebt haben, macht uns zu denen, die wir heute sind

Die oberste Regel für ein erstes Date lautet: „Sprich nicht über vergangene Beziehungen.“ Aber irgendwann kommt die Frage: „Wie bist du zu dem geworden, der du bist?“ An diesem Punkt beginnt meine Zwickmühle. Ich bin die Summe meiner Erfahrungen. Zu meinem Werdegang gehören Beziehungen und ich schaue nicht mit Groll auf sie zurück. Vielmehr bin ich für vieles sehr dankbar. Deshalb kann und möchte ich nichts aus meinem Gedächtnis streichen. Auch wenn keine Beziehung gehalten hat, so habe ich doch aus jeder etwas mitgenommen oder behalten. Und ich meine damit nicht vergessene Tupperdosen, die seitdem meinen Küchenschrank bewohnen. Es fällt mir schwer zu verstehen, warum so viele Menschen, rückblickend auf vergangene Beziehungen, für ihre Ex-Partner so wenig Wertschaetzung haben. Ich finde nichts Verwerfliches daran, für einen Menschen, den ich einmal geliebt habe, gute Worte zu finden. Es scheint aber ein Hemmschuh zu sein, sich mit jemandem einzulassen, der lobende Äußerungen für den oder die Ex findet. Schnell steht dann plötzlich der Satz im Raum: „Du bist ja noch nicht fertig mit deinen vergangenen Beziehungen.“ Dabei hat das Eine nichts mit dem Anderen zu tun.

Ich habe nie viel auf Gemeinsamkeiten gegeben. Ich bin offen, neugierig und flexibel. Der Typ, der sich nie einen Kopf gemacht hat, ob es auch im Alltag passt. Der, der eine Frau sieht, sich bis über beide Ohren verliebt und daran glaubt, dass am Ende alles gut wird, wenn die Liebe groß genug ist. Das hat oft zu Komplikationen geführt, aber mein Leben auch unendlich bereichert. Nichts davon möchte ich verleugnen oder streichen. Ich konnte ständig meinen Horizont erweitern und lernte durch die jeweiligen Partnerinnen Dinge kennen, von denen ich teilweise vorher noch nie etwas gehört habe, oder die ich, mit Vorurteilen behaftet, sonst abgelehnt hätte.

Ich denke mit einem Schmunzeln zurück an die erste Liebe, mit der ich die erste gemeinsame Wohnung bezog und auf 35 qm – inmitten billigster Möbel – lernte, Kompromisse zu machen. Voller Dankbarkeit schaue ich zurück auf die Zeit mit der sparsamen Planerin, die mir gezeigt hat, dass das Leben nicht nur aus Party besteht. Sie hat Ordnung in mein Leben gebracht, mich die Wichtigkeit von Plänen erkennen lassen und gab Struktur in mein finanzielles Chaos. Wenn sie nicht gewesen wäre, wüsste ich nicht, ob ich mir heute mein Leben leisten könnte. Gerne blättere ich in den Fotoalben aus der Zeit mit der Reiselustigen. Mit ihr bin ich durch die Welt gereist und habe fast alle Kontinente betreten. In der Zeit mit ihr bin ich mit Menschen aus aller Welt in Kontakt gekommen, erlebte andere Kulturen und erweiterte meinen Horizont.

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Spannend war die Zeit mit der Spirituellen. Sie hat versucht, mich mit dem Übersinnlichen vertraut zu machen. Ein hoffnungsloses Unterfangen, das bei mir aber zumindest zu der Einsicht geführt hat, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die nicht erklärbar sind. Auch die Geschichte mit der Untreuen hat mich weiter gebracht. Obwohl es weh getan hat, diese Beziehung hat mir gezeigt, wo meine Grenzen sind und dass bei aller Liebe manches ein Mal – aber nicht häufiger – verziehen werden kann. Es gab die Karrierefrau, die mich erkennen ließ, dass ich arbeite, um zu leben und nicht andersrum. Die Drama-Queen, die mich besonnener werden ließ und ich mir seitdem vorher überlege, ob mir ein Thema so wichtig ist, dass ich darüber streiten muss. Aus der Fernbeziehung habe ich gelernt, dass die Liebe den Raum nur eine begrenzte Zeit lang überwinden kann und für manche Menschen ein „Ich“ relevanter als ein „Wir“ ist.

Ich bin froh und dankbar, das alles erlebt zu haben und nichts davon möchte ich missen. Deshalb mache ich kein Geheimnis daraus, wenn mich bei einem Date jemand fragt, wie ich der Mensch geworden bin, der ich heute bin.

Zugegeben, worauf ich hätte verzichten können, war die letzte Romanze mit der Psychopathin, die mich ausgenutzt hat. Ich glaube nicht, dass ich dieser Geschichte jemals etwas Gutes abgewinnen werden kann. Aber wer weiß, vielleicht, wenn ganz viel Zeit verstrichen ist, kann ich doch einen Sinn in dieser Episode sehen, auch wenn er sich mir heute noch nicht erschließt.

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Über den Autor/die Autorin

Thorsten Wittke

Thorsten Wittke ist in Essen geboren, aufgewachsen und liebt das Ruhrgebiet. Er hat erst spät mit dem Schreiben begonnen, vorher studierte er BWL und hat in der freien Wirtschaft gearbeitet. Heute bloggt er über seine Sicht auf die Welt und arbeitet an seinem ersten Buch. Er ist Single und seine Leidenschaften sind das Reisen, Kino, Theater und der Triathlonsport.