Paartherapie einzeln?

Wenn ein Partner keine Paartherapie beginnen möchte, entscheiden sich viele dafür, alleine ein Beziehungs-Coaching zu beginnen. Wie sinnvoll ist das? Paartherapeut Eric Hegmann nennt Vorteile und Nachteile.

Vorteile einer Solo-Paartherapie

So selten ist es auf den ersten Blick nicht, dass man mit einem Konflikt nicht weiter kommt, der nicht mit dem Partner zu tun hat, sondern vor allem mit einem selbst. Thema Eifersucht zum Beispiel: Wer starke Verlustangst verspürt, der versucht vielleicht, den Partner zu kontrollieren. Er durchstöbert dessen Smartphone, liest heimlich dessen Nachrichten, verfolgt den Browser-Verlauf oder installiert sogar Tracking-Apps. Tatsächlich kann sich daraus eine toxische Beziehungsdynamik entwickeln, die streng genommen ursächlich von dem eifersüchtigen Partner ausgeht. Insofern würde diese Dynamik verändert und verbessert werden, sobald die Verlustangst reduziert wurde – und das kann nur der eifersüchtige Partner anstoßen.

Gleichzeitig lässt sich jemandem erheblich leichter vertrauen, der sich vertrauenswürdig verhält. Provoziert der Partner möglicherweise Eifersucht, weil er ohne Erklärung die gemeinsame Date Night platzen lässt oder auf Partys offensiv mit anderen flirtet, dann kommt die Verlustangst ja nicht von ungefähr. Oder, ganz anderer Gedanke, diese Provokation ist nur die Folge der Eifersucht: „Jetzt erst recht! Damit du mal aus gutem Grund eifersüchtig wirst!“ Um herauszufinden, welche Partner in diesem Szenario nun die Dynamik anfeuert, bräuchte es also wieder beide. Denn sonst bleibt es bei offenen Fragen und Mutmaßungen.

Paartherapeuten sind keine Schiedsrichter oder Hellseher

Nicht wenige erhoffen sich allerdings von einer Paartherapie in erster Linie Bestätigung, dass sie selbst “okay” seien, aber ihr Partner oder ihre Partnerin sich verändern müsse, damit die Beziehung wieder rund läuft. Und weil er oder sie das nicht einsieht, soll endlich eine Fachfrau oder ein Fachmann klare Kante beziehen und dem anderen sagen, was zu tun ist. Um im Beispiel zu bleiben: Der kontrollierte Partner hofft darauf, dass der Therapeut klarstellt, dass diese Grenze nicht überschritten werden darf. Gleichzeitig hofft aber wahrscheinlich der eifersüchtige Partner, der Therapeut würde verdeutlichen, wie viel Grund für sein Verhalten der andere ja geben würde.

Ich persönlich verstehe meinen Job als Paartherapeut in erster Linie darin, den Partnern zu helfen, das Gespräch zu führen, das sie bisher nicht führen konnten – aber dringend führen müssten. Und da dies alleine nicht so zielführend sein kann, sage ich meist, dass ich Erfolg versprechender und nachhaltiger eine Paartherapie und nicht ein Beziehungs-Coaching mit Einzelpersonen erlebe. Meine Erfahrung ist, bereits nach kurzer Zeit gerät die Klientin oder der Klient immer wieder an den Punkt, an dem sie oder er permanent über einen nicht anwesende Person spricht, diese aber dennoch den ganzen Platz im Raum einnimmt.


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