Woran lässt sich Liebe erkennen?

Ich arbeite selbst immer wieder mit Paaren mit den „5 Sprachen“, jedoch nur für eine erste Betrachtung, denn danach bleibt das Modell für mich stark an der Oberfläche, schließlich berücksichtigt es nicht, was beispielsweise die Ursache dafür ist, dass ein Partner extrem viel Anerkennung benötigt. Dahinter liegt ja immer ein verletzter Selbstwert, der sagt: „Ich bin nicht gut genug.“ Wenn ein Partner immerzu geben muss, gerät der leicht in eine Co-Abhängigkeit und das ist sicher keine Liebe.

Was Lob und Anerkennung als Zeichen der Liebe betrifft, sehe ich ebenfalls, dass gerade diese Kategorien sich im Alltag grausam erschöpfen können. Es gibt eben Menschen, die leiden unter einem äußerst geringen Selbstwertgefühl. Das ist eine enorme Last für sie – und für den Partner. Frauen, die sich zu dick finden, wollen gefühlt einmal in der Stunde hören, dass sie nicht dick sind, Männer, die in die Jahre kommen und Tränensäcke haben und sich damit nicht abfinden können, wollen auch ständig hören, wie attraktiv sie sind. Das kann kein Liebender leisten, das soll vor allem kein Liebender leisten. Denn der Liebende ist der Liebende und kein Therapeut. Schwingt sich der Liebende auf die therapeutische Ebene ein, indem er seinen Partner mit Selbstwert versorgen will und ihm deshalb gebetsmühlenartig Komplimente macht, beginnt eine zehrende Abhängigkeit. Es ist ein Fass ohne Boden. Man sagt: „Du bist nicht dick“ oder „Dein Gesicht ist jugendlich“. Und kurze Zeit später ist die Aussage vergessen, das Gegenüber braucht neues Futter, das macht die Liebe auf kurz oder lang kaputt.

Paul Watzlawik schrieb: „Wenn du mich wirklich liebtest, würdest du gern Knoblauch essen.“ Eine spannende Frage wirft er damit auf: Zeigt sich Liebe, wenn ich etwas dem Partner zuliebe mache?

Das ist eine Frage, die mir ausgezeichnet gefällt, weil sie ins Zentrum der Liebe geht, die ich eben als aktives Tun begreife: als Lieben. Ich finde es begrüßenswert, gründlich darüber nachzudenken, was man dem Partner zuliebe tun kann. Ich finde, man sollte sich in der Hinsicht richtig ins Zeug legen. Gute Liebe ist nicht egoistisch, sondern zeigt sich in der Bereitschaft zu geben. Hier haben wir ein manifestes Zeichen der Liebe: die Freude am Geben, Hingabe. Wenn ich mit meinem Partner spazieren gehe, weil er es mag, obwohl ich es weniger mag, dann ist das liebevoll. Selbstverständlich hat das eine Grenze. Selbst verleugnen darf man sich nicht, hier kommt die Selbstliebe ins Spiel oder die Selbstwertschätzung, wie Sie es nennen, Herr Hegmann. Fröhlich geben kann nur der, der sich selbst annimmt. Tut es einer nicht, ist er bereit, sich völlig zu verbiegen, ist das kein Zeichen von seiner Liebe, sondern Ausdruck seiner Bedürftigkeit, geliebt zu werden. Wer mit echtem Widerwillen seinem Partner zuliebe Dinge tut, liebt wahrscheinlich weder sich noch den Partner.

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