Warum Liebe eine Droge ist

Anatomisch ist klar: Wer liebt, ist einer Sucht verfallen. Doch das birgt handfeste Gefahren

Wir alle suchen diese eine überwältigende Liebe. Bewusst oder unterschwellig. Dieses sich völlig Verzehren, sich Hingeben und den anderen Aufsaugen, keine Nacht ohne unstillbaren Hunger, kein Tag ohne das warme Gefühl von Sicherheit. Ein wortloses Versprechen: Genauso wie jetzt wird es auch morgen noch sein. Diese Liebe kann alles. Uns überfallen, vollkommen einnehmen, Schmerzen vergessen und endlich wieder lachen lassen. Die Euphorie des Moments verwässert alles andere. Zum Beispiel die Gedanken an ein danach. Sobald wir uns an unsere tägliche Dosis Glück gewöhnt haben, blenden wir ihre Nebenwirkungen aus. Und die können gravierend sein.

Wir wollen immer mehr

Haben wir uns einmal an das Hochgefühl gewöhnt, können wir nicht mehr darauf verzichten. Wir wollen es immer und immer wieder spüren, noch intensiver als gestern, bitte nur eine Messerspitze mehr. Das Problem: Wir knüpfen die Empfindung nicht an eine Portion Zauberpuder, sondern an eine andere, lebendige Person. Mit eigenen Gefühlen, Erwartungen und Handlungsmustern. Unser Hoch hängt also in vollem Umfang davon ab, wie viel der andere uns zu geben bereit ist. Und schon ist es passiert: Wir sind abhängig von ihm und seiner Droge namens Liebe. Doch was ist denn da eigentlich los im verliebten Kopf? Wenn Amors Pfeil uns mit voller Wucht in die Brust fährt, schüttet der Körper zunächst mal eine Menge Serotonin, Dopamin und Noradrenalin aus. Und dieser Cocktail aus Hormonen und Botenstoffen bewirkt einen wahren Stimmungs-Boost: Wir fühlen uns gelassen, selbstbewusst, unerschöpflich und einfach wunderbar. Man könnte auch sagen: high.

Anatomisch sind wir Junkies

Unser Gehirn hält uns für süchtig. Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge stimuliert Verliebtsein nämlich die gleichen Hirnpartien wie der Konsum von Drogen. Während negative Aspekte vollkommen ausgeblendet werden, fühlen wir uns stark und energiegeladen, unser Herz möchte explodieren vor Glück. Das Angstzentrum wird lahmgelegt und wir vergessen all die Fragen, die uns zu Beginn einer Beziehung sonst um Schlaf und Verstand bringen würden: Was, wenn der andere nicht genauso fühlt? Wenn er uns am Ende nicht gut tut, uns nur benutzt und dann aufgibt und fallenlässt? Dieser Ausblendungseffekt muss aber nicht zwangsläufig immer ein negativer sein. Denn wenn es der Liebe schon gelingt, unsere geistigen Probleme, Sorgen und Befürchtungen kurzzeitig in Luft aufzulösen – kann sie dann nicht vielleicht auch körperliche Schmerzen lindern?

Liebe ist Medizin

Tests mit Schmerzpatienten belegen diese Hypothese: Ihnen wurden während einer MRT-Untersuchung Fotos geliebter Personen gezeigt und sofort schickte das Belohnungszentrum eine Ladung Dopamin los, die den Schmerz unmittel- und auf den Scans auch sichtbar reduzierte. Wir können uns die drogenähnliche Wirkung der Liebe also zunutze machen, um Gutes zu bewirken. Doch wie verhält es sich umgekehrt? Wenn Liebe Schmerz lindern kann, kann dann Schmerz entstehen, sobald sie fehlt?

Je klarer der Schnitt, desto besser

Sich von einer Trennung zu erholen ist wie kalter Entzug bei einer Drogensucht. Wir alle haben das erlebt. Du kannst nicht schlafen, nicht essen, nicht atmen. Nicht ohne diese elende, lähmende Qual. Du sehnst dich nach deinem Ex wie der Drogenabhängige nach einem weiteren Zug, einer Pille, einem Schuss. Der Grund dafür ist einfach: Du machst eine waschechte Entziehungskur, Detox vom Gefühl, zu lieben und geliebt zu werden. Untersuchungen belegen, dass im Kopf des Verlassenen beim Anblick des Ex-Partners die gleichen Hirnregionen aktiviert werden wie bei Drogenentzug und körperlichen Schmerzen. Anatomisch betrachtet ist ein klarer Schnitt demnach der gesündeste Weg, eine Beziehung zu beenden. Keine Nachrichten, die nur immer neues Leid verursachen, keine Anrufe, keine Besuche, einfach nichts.

Die Liebe berauscht uns wie kaum etwas anderes. Doch sie ist heimtückisch. Genauso wie Kokain, Chrystal Meth, Heroin oder andere gefährliche Substanzen macht sie uns viel schneller körperlich abhängig, als wir im Taumel des Moments begreifen können. Sie ist jedoch die einzige Droge, für deren unvergleichliches Hochgefühl es sich lohnt, die Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen. Und manchmal, ja manchmal, bleiben die ja zum Glück auch einfach aus.

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