Über die (Nicht-)Alltäglichkeit der Liebe

Kann Liebe „alltäglich“ sein? Gast-Autor Leon Reinhardts versucht dieser Frage auf den Grund zu gehen

Leben: 95 Prozent Alltag

Wie leicht ist es doch, sich gänzlich im Alltag und Alltäglichen zu verlieren! Wir alle haben unsere Routinen, unsere ausgetrampelten Pfade. Ein Tag gleicht da leicht mal dem anderen.

Morgens aufstehen – ein erster Blick in den Spiegel. Das Gesicht, das uns noch morgenmüde anschaut, sieht freundlich aus. Es ist uns so vertraut. Frühstück, fertig machen für den Job. Wenn wir da einen Partner oder eine Partnerin an unserer Seite haben, dann gibt es noch einen Abschiedskuss. Ach, und die Kinder, die müssen ja noch in die Kita oder Schule gebracht werden … Ein Blick auf die Uhr – schon wieder viel zu spät. Das Leben ist aber auch manchmal stressig.

Wir treiben durch den Tag. Rutschen durch den Mittag und Nachmittag in den Abend. Wir arbeiten Aufgaben ab, treiben Projekte voran, erledigen unsere Pflichten. Abends fühlen wir uns im besten Fall wohlig erschöpft vom ganzen Tageswerk.

Das ist ein Großteil unseres Lebens. Alltag.

Wenn wir uns glücklich schätzen dürfen, fühlt er sich gut an und fällt uns dank der Routinen und Gedankenlosigkeit leicht.

Auch Beziehungen bestehen hauptsächlich aus Beziehungsalltag – zumindest dann, wenn sie schon eine Weile bestehen. Die heftigen emotionalen Ausschläge der ersten Wochen und Monate kann es schließlich nicht für immer geben. Das lehrt uns die Erfahrung.

Eine langfristige Beziehung ähnelt eher einer Hühnersuppe als einem Tiramisu. Das ist auch völlig okay so.

Herz und Basis

Wo in diesem Ozean des Alltags findet die Liebe ihren Platz? Gibt es so etwas wie die „Alltäglichkeit der Liebe“? Das frage ich mich manchmal. Denn etwas tief in mir wehrt sich dagegen, die Liebe zu banalisieren und im Alltäglichen zu verorten, also dem Beziehungsalltag auch einen Liebesalltag beizugesellen.

Liebe soll doch mehr sein als das Salz in der Hühnersuppe. Das lehren uns sowohl eigene Erfahrungen als auch die großen und kleinen Erzählungen, die unser Bild von der Liebe nachhaltig prägen. Von Shakespeare bis Hollywood, von Rosamunde Pilcher bis zum Neuen Testament.

Ich meine hier nicht die Verliebtheit der ersten Wochen und Monate – in der Sprache der Parfumkunst: die Kopfnote. Ich spreche vielmehr von der Herz- und Basisnote. Das, was sich zeigt, wenn sich die anfängliche Spritzigkeit verflüchtigt hat. Wenn sich der Duft zurückzieht, nicht mehr so stark abstrahlt, sich verändert, subtil wird, im besten Fall magisch, wenngleich „hautnah“. Oder sich aber zeigt, dass der starke Start tatsächlich keine Basis hat und nichts – oder nichts Gutes – übrig bleibt.

Was ist das für eine Liebe, die ich hier anspreche?

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