Über das Alleinsein

Alleine sein stellt für viele Menschen eine große Schwierigkeit dar. Insbesondere dann, wenn eine Beziehung in die Brüche geht, fühlt man sich schnell einsam. Schließlich sind die Stunden, die man zuvor mit einem Partner oder einer Partnerin geteilt hat, plötzlich von einer scheinbaren Leere gekennzeichnet, die sich nur schwer füllen lässt. Jana Seelig jedoch kann dem Alleinsein sehr viel Positives abgewinnen. Was genau das ist, erzählt sie in ihrer neuen Kolumne

Rückzug. Vollkommene Isolation. Abschottung von Freunden und Familie. Kein Kontakt zu niemandem, der mir sonst nahe steht. Es ist keine depressive Episode, sondern von mir gewollt. Ich will allein sein, muss allein sein. Ich brauche Ruhe, Zeit für mich selbst. Nicht nur drei Tage, sondern viel länger.

Alleine sein, das ist etwas, das für viele Menschen unvorstellbar ist. Vor allem, wenn es für einen längeren Zeitraum ist. Der Mensch braucht soziale Kontakte, um sein Wohlbefinden aufrechterhalten zu können, sagt man, und dass Menschen, die viel alleine sind, gleichzeitig auch einsam sind. Ich sage, dass das nicht stimmt. Einsam sein und alleine sein sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge, und während Einsamkeit tatsächlich furchtbar ist, ist das Alleinsein für mich gerade das Schönste, das ich mir vorstellen kann.

Mein Leben ist nicht von Leere gekennzeichnet, wie man das vielleicht meinen könnte, und auch nicht von Belanglosigkeit. Ich sitze nicht traurig vor dem Fernseher, um mir zum einhundertsten Mal “Sex and the City” anzusehen und dabei tonnenweise Eiscreme in mich hineinzustopfen. Ich liege auch nicht trübsinnig in der Badewanne, den starren Blick auf die Zimmerdecke gerichtet, und grüble darüber nach, was in meinem Leben alles falsch läuft. Im Gegenteil: Es fühlt sich – zumindest gerade im Moment – erfüllender an als je zuvor. Ich habe Zeit für mich. Nur für mich. Und ich genieße es.

Mit der Ankündigung, dass ich mich für einige Wochen vom Rest der Zivilisation abschotten würde, stieß ich größtenteils auf Unverständnis. Meine Mitmenschen wollten Begründungen von mir, sprachen ihre Besorgnis um mich aus oder machten mir Vorwürfe, dass ich ja eh schon viel zu wenig Zeit mit ihnen verbringen würde. Ich hatte allerdings keine Lust, mich für etwas zu rechtfertigen, das mir gut tut. Ich möchte zur Zeit eben einfach alleine sein. Ganz allein. Das Handy und die Klingel abschalten, die Emails zumindest eine Zeit lang ignorieren und einfach mal die Ruhe genießen.

Es gibt so viele schöne Dinge, die man machen kann und möchte, wenn man alleine ist, und doch immer wieder aufschiebt, weil soziale Verpflichtungen rufen. Bei mir sind das zum Beispiel malen, oder einfach mal Musik machen, ganz für mich alleine. Endlich den Stapel Bücher, der neben meinem Bett in die Höhe ragt, durchlesen und die Filme gucken, an denen meine Freunde nie Interesse hatten. Ich nehme mir Zeit, für mich alleine richtig tolles Essen zuzubereiten und zu backen, all die Dinge, die ich sonst immer hinten anstellen musste, weil es so viel anderes zu tun gab. Ich gehe alleine ins Museum, mache ausgedehnte Spaziergänge mit Musik auf den Ohren und wechsle so wenige Worte wie möglich mit den Menschen, die mir im Alltag begegnen. Und ich genieße es, dieses Alleinsein. Es gibt mir Kraft. Es lenkt den Fokus wieder auf mich selbst. Und ich vermisse nichts dabei, weder Gespräche mit anderen noch körperliche Zuneigung. Im Gegenteil. Alles, was ich gerade brauche, finde ich in mir selbst. Dieses Alleinsein macht mich sehr glücklich momentan.

Natürlich hat nicht jeder die Möglichkeit, sich so total zurückzuziehen, wie ich das gerade tue, weil da noch der Job ist, dem man nachgehen muss und der Kontakt zu anderen Menschen erfordert, oder Termine, die sich nicht verschieben lassen und bei denen man viel reden muss. Das muss man aber auch gar nicht. Manchmal reicht ein Wochenende, das man ganz allein verbringt, um sich all den schönen Dingen zu widmen, die man nur dann macht, wenn man alleine ist. Bei mir allerdings muss es zumindest im Augenblick für etwas länger sein. Und das ist okay so, denn ich bin nicht einsam. Ich bin nur einfach gern allein.

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