So scheiße fühlt man sich vor einer Trennung

Als die Stimmung völlig im Eimer war, holte Michael zwei Flaschen Bier aus der Küche. Wir tranken sie schweigend, Schulter an Schulter. „Scheiße“, sagte ich schließlich. „Ich fühl‘ mich scheiße“, sagte er.

Am nächsten Tag würde Sandra für ein paar Tage zu ihrer Familie nach Bayern fahren. Vorher wollte er es „hinter sich bringen“. Dieses Datum hatte er sich schon vor Wochen ausgeguckt. Vielleicht in der Hoffnung, dass etwas in ihm vorher noch ganz laut „Halt! Mach das nicht!“ schreien würde. Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der so stark schwitzte und dabei doch so leichenblass war.

Ich wollte mir die lächerliche Warum-Frage verkneifen, mit der er gerechnet haben musste und die vielleicht der Grund war, weshalb er mich angerufen hatte. Er wollte in seinem Elend einen Resonanzboden. Wollte nicht mehr mit der weißen, kahlen Wand reden. Sein inneres Unbehagen nicht mehr mit sich alleine ausmachen. Und dazu gehörte, sich zu erklären, mitzuteilen, überhaupt zu teilen, was wahrscheinlich seit Wochen, vielleicht schon seit Monaten in ihm brodelte.

Ich spürte deutlich, dass er sich nicht gerne trennte. Es würde keine Erlösung sein, sondern eine Niederlage. Er befand sich in einer dieser verzwickten Situationen, in denen es kein eindeutiges Richtig oder Falsch gibt. Eine Trennung lag im Bereich des Möglichen, aber ebenso eine Fortsetzung der Beziehung. Und nun hatten sich die Waagschalen mikroskopisch in Richtung Trennung verschoben. Die Würfel waren zwar gefallen, er hatte sich entschieden. Aber umso lauter brüllten in ihm nun sein schlechtes Gewissen und seine Zweifel an den eigenen Beziehungszweifeln. Leicht hatte sich Michael es definitiv nicht gemacht. Und das war verständlich.

Morgen würde er ein Herz brechen – absichtsvoll und doch voller Skrupel. Er würde tausend Hoffnungen zu Grabe tragen und monatelangen Schmerz verursachen. Er würde zum Liebetöter und Schmerzmacher werden, zum Henker des Wir.

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