Skinny Love

„Skinny Love“ ist die Bezeichnung für zwei Menschen, die einander lieben, aber zu schüchtern sind, es voreinander zuzugeben. Wie sich das anfühlt und warum eine „Skinny Love“ zugleich schrecklich als auch schön ist, beschreibt Jana Seelig

Es ist kurz nach 9 an einem Montag. Wie jeden Morgen habe ich es mir mit einer großen Tasse Kaffee vor meinem Laptop bequem gemacht, um die neusten Artikel der Tageszeitungen zu lesen und die E-Mails, die sich übers Wochenende in meinem Postfach angestaut haben, zu überfliegen. Ich trenne gerade den Spam von den wichtigen Nachrichten, als er mir ins Auge springt. Sie. Er. Ich weiß nicht, wie ich es formulieren soll. Sein Name, neben einer Mail, die den Betreff „Hallo!“ trägt. Nur „Hallo!“, sonst nichts. Eigentlich sollte mich das nicht so aus der Fassung bringen, schließlich ist daran nichts Ungewöhnliches, nur, es ist eben … Es ist die Tatsache, dass es eine Nachricht von ihm ist, die mein Herz für den Bruchteil einer Sekunde seinen Takt verlieren lässt. „Er“ ist meine Skinny Love. Eine Person, die ich auf ganz spezielle Art und Weise liebe, was ich so direkt aber nie, nie, niemals, nie vor ihm zugeben könnte.

Es begann vor etwa zehn Jahren, auf irgendeiner Party eines gemeinsamen Bekannten, und wenn ich heute daran zurückdenke, kann man fast schon sagen, dass es damals war wie in einem dieser klischeehaften Coming-of-Age-Filme. Ich saß gelangweilt auf der Couch und sah einer Gruppe Leute dabei zu, wie sie eines dieser Trinkspiele zelebrierte, wie sie auf solchen Feiern üblich sind. Er stand am anderen Ende des Raums, nippte an seinem Drink, während ein anderer Typ wild gestikulierend auf ihn einredete und sah dabei immer wieder zu mir herüber. Unsere Blicke trafen sich ein paar Mal, und er grinste dabei über das ganze Gesicht, aber ich hatte wirklich keine Lust auf einen Flirt. Ich hatte keine Lust auf diese ganze Party. Deshalb verabschiedete ich mich auch recht schnell, und auf dem Weg nach draußen passierte dann das, was in Filmen in solchen Momenten immer passiert: Ich stolperte über eine noch halb volle Dose Bier, die jemand umgeworfen und dann auf dem Boden liegengelassen hatte, und wäre nicht genau in diesem Augenblick er dagewesen, um mich aufzufangen – ich hätte mir vermutlich beide Knie wund geschlagen. Wären wir die Protagonisten in einer Liebeskomödie gewesen, hätten wir uns in diesem Augenblick vermutlich angegrinst und ineinander verliebt. So aber murmelte ich ein leises „Danke!“, rappelte mich mühsam auf und verschwand so schnell wie ich nur konnte nach draußen.

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Über den Autor/die Autorin

Jana Seelig

Jana Seelig ist jung und schön, sie hat einen großen Freundeskreis, sie liebt ihren Beruf – und sie hat Depressionen. Es gibt Tage, an denen geht gar nichts. Dann muss sie sich oft gut gemeinte Ratschläge anhören, die zeigen, wie wenig ihr Umfeld eigentlich versteht, wie es ist, wenn man nichts mehr fühlt.