„Lass uns Freunde bleiben“

„Warum hat uns eigentlich niemand beigebracht, wie man Schluss macht?“, fragt sich Gastautorin Jana Seelig in ihrer heutigen Kolumne und erzählt, wie schwer es ist, sich von einem Menschen zu trennen, den man längst nicht mehr liebt

Schluss machen, das ist ja so ein Ding. Ich meine, wenn mit dir Schluss gemacht wird, das ist scheiße, ja. Aber Schluss machen, das ist noch viel schlimmer. Wenn mit dir Schluss gemacht wird, dann tut das verdammt weh und du leidest und hörst traurige Musik und trinkst zu viel und schläfst mit fremden Menschen, und irgendwann, so hoffst du, irgendwann ist der Schmerz halt weg, betäubt oder ersetzt von anderen Schmerzen, die du dir dann selbst zufügst, bewusst und unbewusst.

Wenn mit dir Schluss gemacht wird, dann tut das verdammt weh und du leidest, aber das Leiden, weißt du, das Leiden ist halt irgendwann vorbei. Jemand anderes hat für dich entschieden, dass du jetzt zu leiden hast, genau jetzt, nicht irgendwann, und natürlich ist es immer scheiße und passt nie richtig rein ins Leben, aber nur wer die Kontrolle verliert, der kann auch wirklich loslassen. Wer die Kontrolle verliert, kann loslassen, weil er es muss.

Was aber, wenn du die Kontrolle hast? Wenn du derjenige bist, der entscheidet, ob es so weiter geht oder nicht? Schluss machen ist scheiße. Nicht nur für den, mit dem Schluss gemacht wird, sondern auch für den, der den Schritt wagt und Schluss macht. Es wird ja selten im Affekt Schluss gemacht, zum Beispiel während eines Streits, zumindest nicht endgültig, sondern meist nur temporär. Schluss machen, das ist ein Prozess, der sich über Wochen, vielleicht Monate, und manchmal sogar Jahre hinzieht.

Wenn man sich neu verliebt zum Beispiel, macht man ja nicht sofort mit dem alten Partner Schluss. Die alte Beziehung ist an sich ja okay, die neue, die könnte vielleicht aber besser sein. Bevor man aber das Alte beendet, testet man das Neue meist erst an. Es gilt, die Antworten auf die wichtigsten Fragen zu finden. Sind meine Gefühle echt? Oder finde ich das Neue nur spannend, weil das Alte gerade nicht richtig läuft? Im besten Fall quält man sich ein paar Wochen mit dem Gedanken herum, dass man nach Ablauf der Probezeit ja mit einer der Personen Schluss machen muss. Im schlimmsten Fall hört diese Probezeit erst auf, wenn die beiden davon erfahren und selbst Konsequenzen ziehen. Dann steht man nämlich alleine da. Und als Fremdgeher.

Auch toxische Beziehungen sind schwer zu beenden. Man weiß, dass der Partner einem echt nicht gut tut, doch Schluss machen, das geht einfach nicht. Da hilft auch kein Zureden von Freunden, Verwandten oder Menschen aus dem Internet. Einen Ast, an den man sich noch klammern kann, den findet man doch immer. Und wenn’s sein muss, springt man eben von Baum zu Baum, bis alle Äste weggebrochen und die Wälder komplett abgeholzt sind.

Der Gedanke ist bei jedem Ast und jedem Baum und jedem Wald der gleiche. Er dreht sich ausschließlich ums Schluss machen. Naja, und natürlich um die Frage, was mit dir passiert, wenn du wirklich Schluss machst. Die Antwort darauf ist auch immer gleich. Wenn du Schluss machst, dann stirbst du. Du stirbst, weil du dir selbst das nimmst, das du am liebsten has(s)t. Dass du sowieso schon kurz davor bist zu sterben, ignorierst du ganz gekonnt. Toxische Beziehungen sind der Tod auf Raten, genau wie ein langsam wirkendes Gift.

Weitere interessante Beiträge