Eigentlich war ich immer viel stärker als du

Ein Wiedersehen aus der Ferne. Unser Autor sieht eine alte Liebe. Er erinnert sich an den Schmerz. Und geht weiter

Und da standest du plötzlich. Ich erkannte dich sofort. Die Silhouette, du hast dich nicht verändert, bist sportlich wie damals. Es war die ungelenke Handbewegung, durch die mir klar wurde: Du bist es tatsächlich. Diese leicht affektierte Art, mit der du dir Raum schaffen möchtest, wenn dir jemand zu nahe kommt. Ja, wenn ich mich an etwas erinnere, dann vor allem, wie du versucht hast, mich nicht an dich herankommen zu lassen.

Eigentlich dachte ich, das ist alles vorbei. Meine Gefühle für dich sind weg. Genau so wie du, als du deine sieben Sachen gepackt hast, die alle in einen Koffer passten, und gegangen bist. Wir hatten einen guten Run, oder nicht? Abgesehen von Start und Ende. Aber dazwischen.

Und es beginnt erneut: Ich mache mir etwas vor. Ich interpretiere, beschönige, verzweifle und leide. Warum eigentlich? Weil ich so verliebt war? Vermutlich stimmt das nicht einmal. Es ging um Leidenschaft. Wirklich wohl fühlte ich mich nie in meiner Haut, meinem Körper. Hier zu dick, da zu dünn, dort zu unförmig. Du dagegen: Wow! Gab es eine Stelle an dir, die nicht perfekt war? Wenn wir ausgingen, klebten alle Blicke an dir. Du wusstest das. Du hast es genossen. Dabei warst du nicht eitel. So irre hübsch bist du nie gewesen. Nicht einmal selbstbewusst. Aber sexy. Dein Lächeln, das ein Versprechen war, dein Körper, der diesem nichts schuldig bleiben wollte und deine unbändige Lust darauf, alles auszuprobieren. Du kanntest deine Wirkung auf mich, auf die anderen, nein, auf alle anderen. Ich war so stolz, diese wenigen Momente, als ich sagen durfte: „Du bist mein. Du gehst mit mir nach Hause heute Nacht. Nicht mit irgendwem sonst. Wir beide machen zusammen, wovon alle anderen hier fantasieren. Und ihr seid nicht eingeladen!“

Wir hatten einen guten Run

Es war nicht wirklich eine Überraschung, dass das nicht stimmte. Wie gesagt, du warst nicht eitel. Im Gegenteil. Begehrt zu werden war deine Therapie. Weil du dachtest, vertikal würdest du nur versagen, hast du horizontal alles gegeben. Meine Güte. Das hast du wirklich. Und natürlich nicht nur mir. Du wusstest, dass ich das wusste. Du wusstest, wie sehr mich das verletzte. Du hast weitergemacht und ich habe dir immer wieder die Tür geöffnet, wenn du zertrümmert an sie geklopft hast, um danach nicht alleine einschlafen zu müssen. Denn geblieben bist du bei den anderen nie. Geborgenheit hast du bei mir gesucht. Ich habe sie gewährt. Und litt. Weil ich neben dir nicht einschlafen konnte. Mein Herz raste, meine Gedanken wirbelten, während ich mir eine Strategie ausdachte, um dich am nächsten Tag ganz bei mir zu halten. Ich hätte gelernt, über Wasser zu laufen, hätte ich dich damit beeindrucken können.

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