Wenn die Gefühle kippen: Was, wenn der Partner nur noch nervt?

Plötzlich geht Ihnen Ihr Partner auf den Senkel. Wenn in der Beziehung die rosarote Brille abgenommen wird, droht Streit. Aber das muss nicht sein

Es sind die Kleinigkeiten, die wahnsinnig machen. Die allabendliche Spur von Klamotten, verteilt über den Flur zwischen Bad und Schlafzimmer. Die zerknüllten Handtücher, die im Waschbecken garantiert nicht trocknen werden. Oder die Angewohneit, den Kellner oder Taxifahrer über dessen Lebensgeschichte auszufragen. Oder: immer unpünktlich sein, mehr als das “akademische Viertel”.

Jeder hat so seine Macken. Niemand ist perfekt. Und wenn Sie ganz, ganz ehrlich sind, gab es diese Macken bereits früher. Doch damals haben sie Sie nicht gestört. Da war der Partner diese eloquente und kontaktfreudige Person, die auf der Party von allen umrundet wurde – das fand man super, vielleicht weil man sich selbst eher als Mauerblümchen empfunden hat. Jetzt hat man aber alle zehn Witze aus dem Repertoire bereits gehört und findet sie einfach nicht mehr komisch. Wie sie scheinbar so frei und sorgenlos durchs Leben glitt – und heute empfindet er das plötzlich als verantwortungslos und chaotisch. Diese „fatale Attraktion“ bedeutet, dass man früher genau das toll fand, was man heute nicht mehr ertragen kann.

Woher kommt die negative Sichtweise?

Waren wir so blind vor Liebe? Ja. Und nein. In den meisten Fällen geht es nämlich um etwas ganz anderes. In der Beratung erlebe ich oft, dass das Nerven losging zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt. Da wurde überlegt, aus der Wohnung in ein Haus zu ziehen, da wurde der Beruf gewechselt, die Familienplanung stand an oder das Kind war aus dem Haus – fast immer fällt der Umschwung der Gefühle mit einem Wechsel an anderer Stelle zusammen. Nicht die „liebenswerte Angewohnheit“ ist das Problem, sondern ein Konflikt, der die Toleranzschwelle so weit senkt, dass man es einfach nicht mehr aushält.

Wann steht die Beziehung vor dem Aus?

Es gibt in jeder Beziehung die guten und die schlechten Tage. Manchmal hat man die rosarote Brille auf. Manchmal ist sie aber einfach nicht rosa genug. Das erleben alle Paare. Gefährlich wird es, wenn der wirkliche Konflikt nicht gefunden und somit nicht gelöst wird. Worüber nicht gesprochen wird, kann nicht geklärt werden. Das übersehen viele Paare – während sie sich über die produktivste Ein- und Ausräumtechnik der Spülmaschine zoffen.

Was kann das Paar dagegen tun?

1. Die erste Frage sollte sein: Warum jetzt? Oft stellt sich heraus, dass gerade etwas anderes passiert, das all Ihre Geduld und Kraft benötigt.

2. Das mit dem Ändern wird nichts. Sie möchten nicht, dass Ihr Partner Sie ändert. Umgekehrt gilt das ebenso. Das muss immer von einem selbst kommen.

3. Gerade das, was Sie nervt, hat auch mit Ihnen zu tun. Weshalb möchte sie im Taxisitz verschwinden, wenn er seine Lebensgeschichte erzählt? Steckt dahinter vielleicht die Frage: „Warum unterhält er sich nicht mit mir?“ Ist es die Aufmerksamkeit, die sie nicht erhält, die sie in Wirklichkeit stört? Oder die Befürchtung „Wir haben uns offenbar nichts mehr zu sagen“?

4. Fragen Sie sich: Was hat das mit mir zu tun? Weshalb ärgert mich das eigentlich so sehr? Wenn Sie mutig sind, vergleichen Sie Ihre Beziehung mit der Ihrer Eltern. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Ihnen die gleichen Dinge auf Nerven gehen, die auch ein Elternteil am Partner gestört hat.

5. Bieten Sie an, die nervigen Rituale mit positiven Ritualen abzuwägen und somit zu neutralisieren. Denn wenn beide Partner an der Beziehung festhalten wollen, setzen sich immer die positiven durch. Vielleicht sagen Sie: „Gut, du darfst weiterhin deine Klamotten quer im Schlafzimmer rumliegen lassen. Aber dafür gehen wir einmal im Monat auf den Flohmarkt und du zahlst.“ Es gibt nichts, was sich nicht tauschen ließe und je kreativer ein Paar ist, desto mehr Spaß wird es daran haben.

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