Ich verstehe dich einfach nicht!

Sprechen Frauen und Männer die gleiche Sprache? Was Ihr Partner wirklich meint und warum niemand Gedanken lesen kann.

Männer und Frauen spielen gerne mit Klischees über Geschlechter- und Rollenverhalten. Das erleichtert uns den Umgang mit Unterschieden und kann sogar dazu führen, dass wir Unterschiede als wichtige Ergänzungen wahrnehmen. Klar wäre es sinnvoller, die Perspektive zu wechseln und sich ins Gegenüber hineinzuversetzen, aber wir ziehen den schnelleren Weg vor. Unser Unterbewusstsein ist nämlich längst zu einer Entscheidung gekommen während unser Verstand noch Für und Wider abwägt.

Dank der Neurowissenschaften wissen wir heute über viele Unterschiede besser Bescheid. Auch lernen wir immer mehr über die Wirkung der Hormone und Botenstoffe. Beispielsweise wissen wir, dass – trotz aller Unterschiede der Geschlechter – das Ergebnis einer Problemlösung ähnlich ist. Der Weg dahin ist aber ein anderer. Nehmen Sie die Orientierung. Sowohl Männer als auch Frauen finden ans Ziel, aber Frauen orientieren sich eher an optischen Dingen wie Wahrzeichen während Männer eher in Entfernungen denken. Insofern sagt uns die Biologie, was Therapeuten schon lange sagten: Es gibt mehrere gleichberechtigte Lösungsansätze, weil wir mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen ausgestattet sind.

Mit Klischees machen wir es uns leicht und ersparen uns das Hineinversetzen in den Partner. Das ist praktisch, kann aber auf Dauer nicht befriedigend für ein Paar sein.

Einige Beispiele: Warum Frauen aus Sicht der Männer

… A sagen und B meinen.

Laut Klischee sind Frauen weniger präzise in ihren Aussagen und verbergen beispielsweise einen Appell zwischen den Zeilen. “Das Laub müsste mal weggeräumt werden” bedeutet durchaus: “Würdest Du bitte das Laub wegräumen.” Weil Männer ihre Appelle konkreter fomulieren, reagieren sie auch besser auf eine klare Ansage als auf eine Situationsbeschreibung, die schließlich auch die Möglichkeit lässt, sich um das Laub morgen zu kümmern oder jemand anderen damit zu beauftragen. Schließlich ist die konkrete Bitte ja nur: “Das Laub muss weg”. Wer sich darum kümmern soll wird nur klar, wenn der Mann sich tatsächlich mit dem Satz auf der Beziehungsebene und dem Appell der Partnerin auseinander setzt. Doch warum sollte der Mann das tun, wo ihm doch ein Schlupfloch geboten wird.

… nichts sagen und glauben, er könne Gedanken lesen.

Ein Problem, das beide Geschlechter trifft: Sie gehen gerade bei längeren Beziehungen von ihren Erfahrungswerten aus und vermuten, sie wüssten über die Gefühle des Partners in den meisten Situationen bestens Bescheid. Dies ist ein Irrtum. Beim Coaching erlebe ich oft Situationen, in denen Erwartungshaltungen erst aufgelöst wurden, wenn Paare diese direkt abglichen. Ein Beispiel hierfür sind vermeintliche Vorlieben, die der Partner aber nur aus Rücksicht mitgemacht hat – er aber in Wirklichkeit nicht viel Freude daran hat.

… inflationären sprachlichen Minimalismus pflegen (Sie: “Gib mir das mal oder stelle es dorthin.” Er: “Was geben? wohin stellen?”).

Das ist eine Mischung aus Wunsch nach Bestätigung (“Du weisst doch, was ich will, ich mache das doch seit Ewigkeiten so, achtest Du etwa gar nicht auf mich?”) und mangelnder Empathie. (“Ich will nur das Salz, muss ich dafür Bitte und Danke und sagen?”) Mehr Respekt voreinander würde hier gut tun. Denn es ist kein Zeichen von mangelnder Zuneigung, dass sich der Partner nicht als Gedankenleser betätigen kann. Dagegen lassen sich liebevollere und fürsorglichere Umgangsformen durchaus angewöhnen.

… „Nichts“ auf seine Frage „Ist etwas, Schatz?“ antworten. Ein akutes Alarmzeichen für kommenden Trouble (meist begleitet von verschränkten Armen und nach hinten geworfenem Kopf).

Der Klassiker aus der “Schatz, wir müssen reden”-Kommunikationsfalle. Es heißt, Frauen fühlen sich nach dem Beziehungsgespräch besser, Männer schlechter. Tatsächlich müssen sich die Partner hier aufeinander zubewegen. Probleme können durchaus wachsen, wenn sie immer wieder und zu lange thematisiert werden. Gespräche können Konflikte bewusst machen und auch für Klärung sorgen, aber gelöst werden sie durch Handlungen und Änderungen im Verhalten. Diese Zeit muss sich ein Paar auch gönnen.

Hinzu kommt, dass jede Partnerschaft auch eine Nähe-Distanz-Dynamik hat. Jeder Partner sucht mal eine Rückzugsmöglichkeit. Ihm dann auf die Pelle zu rücken ist eine schlechte Idee, denn er wird sich wehren oder noch weiter zurückziehen.

… Sätze nicht beenden, sondern in unheilvoller Stille ausklingen lassen. Mann versteht nichts, Frauen in der Gruppe schon.

Die leise Drohung können Frauen und Männer gleich gut. Am liebsten mit einem Totschlagargument zum Satzbeginn wie “Immer machst du…” oder den Umkehrschluss “Nie machst du…” Dass Männer nicht verstünden, was Frauen da sagen ist ein Trugschluss. Sie verweigern sich eher dieser Kommunikationsform in dieser Situation.

Die Geschlechter verstehen sich trotz allem besser als der Volksmund sagt.

Männer achten bei Frauen vor allem auf Attraktivität und Fürsorge. Deshalb nehmen viele an, dass es bei Frauen ebenso wäre. Doch Frauen berücksichtigen bei der Partnerwahl noch weitere Faktoren wie Großzügigkeit oder Verlässlichkeit. Das sind jedoch statistische Angaben und individuell ist das sehr viel komplexer. Aber ein Mann, dem Optik sehr wichtig ist und der wenig reflektiert, wird beispielsweise im Dating-Profil eher mit einem Sixpack als optischem Signal Eindruck erwecken wollen als ein Mann, der verstanden hat, dass er mehr Frauen erreicht, wenn er ihr Bedürfnis nach Verlässlichkeit befriedigt, beispielsweise indem er zum Ausdruck bringt, wie viel er in eine Partnerschaft zu investieren bereit ist – also sich Mühe gibt.

Er sagt “Lass uns kuscheln”, sie versteht “Ich will Sex haben”. Und umgekehrt. Dieses Klischee kommt von der Vorstellung, Männer wollten immer Sex und könnten immer. Das führt bei vielen Paaren dazu, dass sie Zärtlichkeiten fehl interpretieren als Startschuss zum Sex und irgendwann aus Unsicherheit Körperkontakt tatsächlich nur noch beim Vorspiel suchen.

Hier kann nur Reflektion und der Austausch von Bedürfnissen und Wünschen wirklich weiter helfen. In der Paartherapie sind längst nicht mehr die Frauen diejenigen, die sich häufiger über den Wunsch ihres Partners nach mehr Sex beklagen. Es sind vielmehr zunehmend die Frauen, die sich mehr Sex wünschen und die Männer diejenigen, die sich zurückziehen.

 Mit zunehmender Dauer der Partnerschaft wird das vermeintliche „Gedanken lesen“ zum Problem.

Nur jeder Sechste fühlt sich in der Beziehung häufig unverstanden

102 Minuten täglich wenden Paare in Deutschland für die gemeinsame Kommunikation auf. Am häufigsten reden sie dabei über Einkäufe (77 Prozent) und den Joballtag (73 Prozent). Erstaunlich: Kinder und Sex sind selten ein Thema. Das ergab eine unter 1.000 Personen durchgeführte repräsentative Umfrage* von PARSHIP. Danach zeigen sich auffällige Unterschiede zwischen den Geschlechtern, was die Wahrnehmung der Gesprächsthemen anbelangt: Männer reden in Beziehungen gefühlt sehr oft über den Einkauf (81 Prozent) und den Haushalt (73 Prozent). Dagegen ist für die weiblichen Befragten der Job häufigster Gegenstand bei Gesprächen mit dem Partner (75 Prozent). Der Haushalt steht – das sehen die Frauen ganz anders als die Männer – erst an siebter Stelle im Ranking der Top-Themen in Partnerschaften.

Versteh mich richtig!

Jeder Sechste (16 Prozent) fühlt sich bei Unterhaltungen mit dem Partner häufiger missverstanden. Fast die Hälfte der Befragten (46 Prozent) empfindet nur gelegentlich so. Immerhin: Nahezu jeder Dritte liegt mit seiner besseren Hälfte auf gleicher Wellenlänge und stellt fest: „Wir reden nur selten aneinander vorbei!“

 

Umfrage: Worüber reden Sie in Ihrer Partnerschaft am häufigsten?

Männer Frauen

Einkäufe

81 %

Beruf / Joballtag

75 %

Haushalt

73 %

Einkäufe

73 %

Beruf / Joballtag

71 %

Familie

73 %

Freunde und Bekannte

70 %

Freunde und Bekannte

71 %

Familie

69 %

Finanzielles / Geld

70 %

Finanzielles / Geld

64 %

Hobbies / Freizeit

70 %

Hobbies / Freizeit

61 %

Haushalt

68 %

Gemeinsame Zukunft

52 %

Gemeinsame Zukunft

55 %

Aktuelle Nachrichten

50 %

Aktuelle Nachrichten

53 %

Intimes / Sex

45 %

Kinder

47 %

Kinder

44 %

Intimes / Sex

43 %

Anderes

19 %

Anderes

21 %

Kunst und Kultur

18 %

Kunst und Kultur

15 %

 

Wie häufig gibt es bei der Kommunikation in Ihrer Partnerschaft Missverständnisse?

 

  Gesamt Männer Frauen
Häufig bis sehr häufig 16 % 15 % 17 %
Hin und wieder 46 % 43 % 49 %
Selten bis nie 77 % 43 % 34 %

 

* Die repräsentative Umfrage wurde vom Marktforschungsinstitut Innofact unter 1.000 Teilnehmern durchgeführt. Die Befragung fand im Juli 2010 statt.

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