Mein Gott, kein Gott – Beziehungen zwischen Gläubigen und Atheisten

Ein Partner ist gläubig, der andere nicht. Kann die Beziehung zwischen einer Christin und einem Atheisten gutgehen? Ein Paar-Porträt von beziehungsweise-Autorin Birgit Ehrenberg

Tobias ist aus tiefster Überzeugung Atheist. Er hat diese Haltung quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Seine Eltern haben ihm von Kindesbeinen an eingeimpft: Religion ist Opium fürs Volk. Die Kirche lügt, sie macht einem etwas vor, sie macht einen klein, sie hält einen unmündig. Die Kirche ist der Feind der Freiheit. Wer kritisch und politisch denkt, glaubt nicht an Gott.

Tobias ist weder getauft noch konfirmiert. Er hat kein einziges Mal in seinem Leben gebetet oder ein christliches Lied gesungen, nicht einmal zu Weihnachten. Er hat noch nie ernsthaft näher mit einem Menschen zu tun gehabt, der gläubig ist, der die Worte der Bibel für bare Münze nimmt, der fast jeden Sonntag zum Gottesdienst geht. Aber jetzt. Jetzt ist alles anders, jetzt hat Tobias sich unsterblich in Anna verliebt.

Anna ist aus tiefster Überzeugung Christin, sie stammt aus einem protestantischen Elternhaus, in dem der Glaube sehr ernst genommen wird. Tobias und Anna sind ein Herz und eine Seele und ein Fleisch, wie „Sex“ in der Bibel heißt. Der Sex ist perfekt, das hätte Tobias einer „Betschwester“, wie er früher christliche Frauen abfällig nannte, nicht zugetraut, dass sie „etwas auf den Laken können“.

Die besten Voraussetzungen für eine glückliche Liebe eigentlich, trotzdem stürzt es Tobias in eine Krise, dass Gott in Annas Leben eine zentrale Rolle spielt, daraus macht sie keinen Hehl. Kann die Beziehung mit dem ungläubigen Tobias gutgehen? Versetzt hier nicht der Glaube Berge, sondern vielleicht die Liebe?

„Als ich Anna kennenlernte, hatte ich keine Ahnung, dass sie praktizierende Christin ist,“ erzählt Tobias. „Wir sind uns auf der Geburtstagsfeier von einem Kollegen von mir begegnet, Anna und ich sind beide Architekten. Wir haben uns sofort über Gott und die Welt unterhalten, ohne dass Gott ein Thema war, jedenfalls die ersten drei Stunden nicht. Verrückt – oder? Ich habe echt Zeit und Raum vergessen, ich habe noch nie mit einer Frau geredet, die so klug ist wie Anna. Sie macht sich viele Gedanken, ungewöhnliche Gedanken. Und sie ist dabei nicht ernst und langweilig, nein, sie ist witzig, sie ist locker, sie ist eine Frau zum Pferdestehlen und darüber hinaus zum Umfallen sexy. Auf die habe ich gewartet, dachte ich, als ich an Annas Lippen hing an diesem ersten Abend, als ich nicht genug bekommen konnte von ihren Worten und zugleich dachte, ich küsse dich gleich und reiße dir die Kleider vom Leib, du Traumfrau.

Anna sprengt die Vorurteile von Tobias

Nein, so wie Anna habe ich mir eine Kirchgängerin wirklich nicht vorgestellt. Und als mir Anna dann im Laufe des Abends erzählt hat, wie sehr sie eine bestimmte Predigt in ihrer Kirche beeindruckt hat, es ging um Verzeihen, ist mir die Luft weggeblieben. Wie, habe ich gefragt, hast du einen Vortrag gehört oder was war das? Nein, antwortete Anna, ich war in der Kirche, in einem ganz normalen Gottesdienst. Sie lachte, ich gehe oft in die Kirche. Ist das ein Problem für dich? Ich habe tief durchgeatmet und gedacht, mach jetzt nichts kaputt, Tobias, frag nach, hör zu. Lass dich zumindest heute Abend darauf ein.“

Theoretisch wollte Anna immer einen Christen als Mann

Genau das hat Tobias getan, er hat nicht polemisiert, er hat aufmerksam zugehört, nachgefragt, Anna und er haben die halbe Nacht geredet, die Zeit verging wie im Flug. Nachdem der Gastgeber dezent darauf hinwies, dass er ins Bett möchte, verschlug es Anna und Tobias noch in eine Bar. „Mir ist es wie Tobias gegangen, ich war auch schon in den ersten Stunden unserer Begegnung hin und weg,“ sagt Anna. „Ich war gespannt, wie er reagiert, wenn das Thema auf Gott kommt. Ich kenne es, dass Leute sich in der Sache über mich lustig machen, das prallt total an mir ab, da stehe ich drüber. Wenn Leute allerdings Fragen stellen, gute Fragen, empfinde ich das als Anregung, darüber freue ich mich.

Im wahren Leben ist Liebe für Anna, sich auf das Anderssein des Partners einzulassen

Wenn man vor Tobias von mir hätte wissen wollen, mit was für einer Art Mann ich mir meine Zukunft vorstelle, hätte ich schon behauptet, dass es ein Christ sein muss, sein sollte, aber ich habe immer schon geahnt, dass Liebe nicht nach einem Plan läuft, man verliebt sich nicht in einen Menschen, weil er so ist, wie man ihn sich vorgestellt hat, sondern weil er ist, wie er ist. Und wenn da eben etwas ist, dass man vorher nicht auf der Agenda hatte im Spektrum „Lebenspartner“, dass der Mensch zum Beispiel kein Christ ist, obwohl man gern einen wollte, dann setzt man sich damit auseinander. Das ist für mich Liebe. Das ist sogar eine christliche Sicht der Liebe, das Gegenüber zu lieben, wie es ist.“

Tobias hätte vor Anna darauf beharrt, dass er tolerant ist, dass er zu Kompromissen bereit ist, all das, was Menschen sagen, wenn sie abstrakt über die Liebe sprechen, aber dass eine Christin, die bestimmt sogar eine Trauung in der Kirche will, für ihn für eine Partnerschaft nicht in Frage kommt.

Tobias sagt: „Doch dann erschien Anna plötzlich auf der Bildfläche meines Lebens, und ich hatte überhaupt nicht den Impuls, sofort wegzulaufen, im Gegenteil, ich fühlte mich unwiderstehlich zu dieser Frau hingezogen. Ich wollte an diesem ersten Abend mit ihr reden, und am Ende des ersten Abends war für mich klar, dass ich auch am nächsten Tag und am nächsten Abend mit ihr reden wollte, ja vielleicht sogar mein ganzes Leben, es war Liebe auf den ersten Blick“, erinnert sich Tobias.

Kein Sex vor der Ehe, das wäre für Tobias das Ende gewesen

„Ich habe diesen inneren Widerstand gegen den Glauben natürlich nicht aufgegeben, ich wechsle ja meine Überzeugungen nicht wie meine Unterwäsche. Aber die Art und Weise, wie ich mit Anna diskutieren konnte, wie sie vernünftig und gelassen reagiert hat, wenn ich sie damit konfrontierte, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es einen Gott gibt, der zulässt, dass es Krieg gibt, unsagbares Elend, Kinder, die leiden und sterben, diese Art und Weise hat geholfen, dass sozusagen nicht gleich die Tür ins Schloss fiel, dass wir im Gespräch blieben, dass wir uns nach dem ersten Abend jeden Tag getroffen haben und natürlich auch zusammen geschlafen haben. Anna ist ja nicht gegen Sex vor der Ehe, das hätte ich auch nicht akzeptieren können. Der Sex war der absolute Hammer, wie es eben ist, wenn man mit einer Frau schläft, die man begehrt, weil sie schön ist, die einem aber auch seelisch und geistig auf den Leib geschneidert ist.

Ich war glücklich wie nie zuvor, nichts hat gefehlt oder gestört. Wenn Anna versucht hätte, mich zu missionieren, wären wir nicht zusammengekommen. Das tat sie nicht, und Annas Gott hat unsere Beziehung zunächst nicht beeinträchtigt. Aber als sicher war, dass wir zusammen sein wollen, dass wir uns eine feste Beziehung miteinander wünschen, dass wir Kinder haben möchten, dass wir heiraten möchten, da sind wir in eine neue Dimension hineingeschlittert, da ging es dann ans Eingemachte, da haben wir sozusagen, den Bereich der reinen Diskussionsebene verlassen, da ging es um den Alltag. Und da wurde es problematisch.“


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