Was es heißt, mit Leib und Seele zu lieben

Allein auf großer Reise: Bennett Bienkowskis “Die verlorenen Worte der Liebe”. Buchtipp von Sophie Schmidt

Über die Liebe zu sprechen ist nicht immer ganz einfach. Wenn man zudem ein schweigsamer Typ ist, kann dies zu einer großen Herausforderung im Leben werden. In Bennett Bienkowskis Roman “Die verlorenen Worte der Liebe” geht es genau darum.

Aus der Ich-Perspektive wird die Geschichte von Riddo Flemm erzählt, der eines Tages im Zug einer Frau mit einem riesigen Reiserucksack begegnet. Er lauscht ihrem Gespräch mit ihrer Freundin und ist von ihren Worten tief berührt. Sie scheint sich an einem Wendepunkt ihres Lebens zu befinden. Allein begibt sie sich auf eine große Reise – vielleicht auch zu sich selbst. Riddo fühlt sich auf unerklärliche Weise sofort mit der Fremden verbunden. Doch bevor er sie ansprechen kann, steigt sie aus und ihre Wege trennen sich. Er beschließt ihr einen Brief zu schreiben. Da er weder eine Adresse noch einen anderen Kontakt von der Frau besitzt, schreibt er einfach weiter und weiter und was als Brief beginnt, wird zu einem Roman über Riddos Leben und seinen verlorenen Lieben. Es ist das erste Mal, dass er seine Vergangenheit mitsamt ihren Schicksalsschlägen in Worte fasst. Er hofft die faszinierende Unbekannte wiederzufinden, und mit ihr vielleicht endlich auch sein eigenes Glück.

Ein Buch für alle, die verstehen wollen, was es heißt, mit Leib und Seele zu lieben.

Obwohl das Buch nicht mehr als 200 Gramm wiegt, liegt es schwer in meiner Hand. Die Geschichte von Riddo Flemm ist eine Geschichte über die Liebe mit all ihren Facetten. Sie beginnt in seiner Schulzeit, als Riddo mit Jenny in eine Klasse kommt. Sie ist seine erste große Liebe. Obwohl Riddo immer für sie da ist, kann er sie und ihre Probleme nie ganz verstehen, vielleicht auch, weil sie zu wenig darüber sprechen. Die Liebe zerbricht auf schmerzliche Art und Weise. In den nächsten Jahren treten zwei andere Frauen in Riddos Leben. Es sind große, aber auch tragische Lieben, in denen Riddo feststellen muss, dass er die geliebten Frauen nie wirklich begreifen kann, so nah er ihnen auch ist. Er muss einsehen, dass lang geschmiedete Pläne sich von einer Sekunde zur nächsten ändern können und dass es so etwas wie Schicksal geben muss, das ihn auf eine lange Lehrreise der Liebe geschickt hat. Denn kann es etwas anderes sein als Schicksal, das ihn die Worte der Fremden im Zug hat hören lassen? Worte, die er hören muss, um seine eigenen, lange verloren geglaubten Worte der Liebe wiederzufinden.

Nach dieser intensiven Lektüre brauche ich erst einmal einen kurzen Moment, um das Gelesene zu verarbeiten. Bennett Bienkowski schildert sehr eingehend die Höhen und Tiefen des Lebens und die verschiedenen Facetten der Liebe. In seinem Brief lässt er Riddo sein Leben und die Beziehungen zu den einzelnen Frauen reflektieren. Die Unbekannte – und damit auch der Leser – werden direkt angesprochen.

Man wird in Riddos Gedanken mit einbezogen und lebt, liebt und leidet mit ihm.

Nicht zuletzt durch die zahlreichen Zitate von Riddos literatur- und philosophiebegeisterten Mutter wird man zum Nachdenken angeregt. Es ist ein ehrliches Buch über die Liebe, bei dem die Schwierigkeit, den Partner zu verstehen und ihm in guten sowie in schlechten Seiten beizustehen, ein zentrales Thema ist. Die Sprache ist melancholisch und gefühlsbetont. Es ist die Lebensgeschichte eines Mannes, der sich nicht scheut offen seine Gefühle und Gedanken auszusprechen. Das ist besonders eindrucksvoll und eine erfrischende Abwechslung zu dem sonst in der Gesellschaft, den Medien und der Literatur dominierenden Bild des starken und unerschütterlichen Mannes.


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