Immer das Gleiche: Wie Sie Streitmuster durchbrechen

„Und täglich grüßt das Murmeltier“ – Das ist bei vielen Paaren das Motto für Streits. Man wirft sich immer wieder die selben Dinge an den Kopf, beide können den Text fast schon mitsprechen. Mental Coach Mathias Fischedick erklärt in diesem Artikel, warum sich Streits hochschaukeln und wie Sie das vermeiden können

„Wo kommst du um diese Urzeit her?“

„Was motzt du mich denn jetzt schon wieder an?“

„Ich motz doch gar nicht! Man wird doch wohl noch fragen dürfen!“

Dies könnte der Anfang eines typischen Dialoges in einer Beziehung sein, der sich immer mehr hochschaukelt, bis die Türen geknallt werden oder eisiges Schweigen herrscht. Nach ein paar Stunden oder vielleicht auch erst am nächsten Tag, geht man dann wieder aufeinander zu und entschuldigt sich. Dann herrscht wieder Harmonie … erstmal … denn nach einiger Zeit geht es wieder von vorne los: „Wo kommst du um diese Urzeit her?“ …

Wäre es nicht schön, wenn es gar nicht mehr oder nur selten zu solchen Situationen kommt? Vielleicht denken Sie jetzt, dass Sie keinen Einfluss darauf haben, dass diese Streitmuster sich regelmäßig wiederholen, schließlich fängt ja immer Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin an. Was sollen Sie da schon zu einer Veränderung beitragen? Und genau hier liegt oft der Irrtum. Selbst wenn der andere in unseren Augen „einen Fehler“ gemacht hat oder ungerecht ist, so haben wir mit unserer Reaktion den Einfluss darauf, wie das Gespräch weitergeht.

Unsere Interpretationen sind nicht die Wahrheit

Oftmals nehmen wir uns nicht die Zeit, zu hinterfragen, warum der andere so handelt, wie er es tut. Wir verurteilen sein oder ihr Verhalten und halten unsere vollkommen subjektive Interpretation für die Wahrheit. Manchmal wird dies offensichtlich, wenn Paare sich im Streit Sätze an den Kopf schmeißen wie: „Mir brauchst du nichts zu erzählen! Ich kenne dich besser, als du dich selbst!“ oder „Das ist ja wieder mal typisch!“

Unsere vermeintliche Wahrheit nehmen wir dann als Grundlage für unsere Reaktion und meinen damit im Recht zu sein. Dadurch fühlt sich unser Gegenüber nicht verstanden und schießt zurück, das lassen wir uns nicht gefallen und kontern hart – der Anfang von einem Streit, der sich immer weiter hochschaukelt.

Lassen Sie Ihr Gegenüber in Ihren Kopf schauen

Der Weg dies zu umgehen besteht darin, dem anderen nicht einfach das Ergebnis unserer Interpretation vor den Latz zu knallen, sondern ihn an unserem Interpretationsprozess Teil haben zu lassen. Dies hat verschiedene Vorteile:

  • Wir selbst bekommen wieder einen klareren Kopf, da wir unsere Gedanken sortieren
  • Unser Gegenüber bekommt Klarheit über unsere Gedankengänge
  • Das Vertrauen zwischen Ihnen Beiden wird gestärkt, da Sie offen über Ihre tatsächlichen Gedanken sprechen

Der Trick ist, dass Sie nicht nur das Endergebnis Ihrer unbewussten Analyse präsentieren, sondern den Weg dorthin. Dieser läuft immer nach dem selben Muster ab:

Wir nehmen etwas wahr – Wir Interpretieren es – Ein Gefühl wird bei uns ausgelöst – Wir reagieren

Wie wir interpretieren, hängt von unseren Erfahrungen, unseren Werten, unserer Tagesform und vielem anderen ab. Deshalb gibt es auch nie „die Wahrheit“, da jeder Mensch vollkommen andere unbewusste Kriterien zur Beurteilung hat. Daher weiß unser Gegenüber oft nicht, woher wirklich unsere Reaktion kommt. Wir präsentieren sozusagen oft nur das Endergebnis, lassen aber für den anderen den Rechenweg im Dunkeln.

Das vierstufige Feedback

Mit dieser Strategie können Sie Ihrem Partner über Ihren „Rechenweg“ Klarheit geben. Gestalten Sie Ihr Feedback nach folgender Struktur:

1. „Ich habe beobachtet …“
z.B. „Ich habe eben auf die Uhr geschaut, als du nach Hause gekommen bist und habe gesehen, dass es 21:00 Uhr war.“

2. „Ich frage mich …“
z.B. „Ich frage mich, ob dir bewusst ist, dass wir eigentlich um 18:00 Uhr zusammen zu Abend essen wollten.“

3. „Ich fühle …“
z.B. „Das ärgert mich.“

4. „Ich wünsche mir …“
z.B. „Ich fänd es gut, wenn du mir das nächste mal mindestens eine Stunde vor unserer Verabredung Bescheid sagst, wenn etwas dazwischen kommt.“

Entscheidend dabei ist, dass Sie in der ersten Stufe nicht bewerten! Es macht einen Unterschied, ob Sie sagen „Ich habe eben auf die Uhr geschaut, als du nach Hause gekommen bist und habe gesehen, dass es 21:00 Uhr war.“ oder „Du bist wieder mal viel zu spät gekommen!“. Das erste ist eine Beobachtung, das zweite eine Bewertung. Sie nehmen viel Druck aus einer Situation, in dem Sie erst Ihre Beobachtung / Wahrnehmung neutral beschreiben und dann erklären, was das für Sie bedeutet, welche Gefühle das bei Ihnen auslöst.

Und wenn Sie jetzt denken „Aber der weiß doch genau, warum ich sauer bin!“. Ja, vielleicht. Dennoch schadet es nicht, die Emotionen etwas rauszunehmen. Dadurch fühlt Ihr Gegenüber sich weniger angeprangert und reagiert weniger abwehrend.

Aller Anfang ist schwer

Ich weiß, dass jede Verhaltensänderung anstrengend ist, aber ich verspreche Ihnen, dass es sich lohnt, wenn Sie bewusster zwischen Bewertung und Beobachtungen unterscheiden. Bewertungen, die immer subjektiv sind, führen eher zu Streit als das offene Gespräch über objektive Beobachtungen und die daraus gezogenen Schlüsse. Ein guter Einstieg für diesen wertschätzenderen Umgang kann das eben beschriebene vierstufige Feedback sein.

Wenn Sie Sorge haben, dass Ihr Partner oder Ihre Partnerin Sie für vollkommen bekloppt hält, wenn Sie so mit ihr oder ihm sprechen, dann zeigen Sie ihm schon in „Friedenszeiten“ diesen Artikel und üben Sie gemeinsam die Methode. Dadurch sind Sie dann für Krisenzeiten gewappnet.

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