Zu schön, um wahr zu sein

Als sie sich trafen, kurierten sie ihre früheren Verletzungen. Wieder geheilt, wiederholten sie jedoch die alten, schmerzhaften Muster. Unsere anonyme beziehungsweise-Leserin über ein kurzes Glück.

Ich war müde und erschöpft, als wir uns im letzten Jahr in einer Kurklinik kennenlernten. Dich hatte eine Depression dorthin gebracht. Ausgelöst durch eine Trennung, die du kaum verarbeiten konntest. Als ich dich das erste Mal sah, wirktest du irgendwie unheimlich auf mich. Als wir das erste Mal ins Gespräch kamen und du mir deine Geschichte erzähltest, hattest du mein ganzes Mitgefühl. Und das Gefühl für mich selbst verlor ich aus den Augen.  

Du saßt vor mir mit Tränen in den Augen. Fertig, leer und ausgelaugt. Auch wenn du laut deinen Worten emotional über deine Ex-Freundin hinweg warst und sie nicht mehr zurückwolltest, hatte dein Kampf um diese Liebe dich in ein Loch fallen lassen, aus dem du dich wieder versuchtest herauszukämpfen. Alles hattest du für sie getan. Nichts war richtig, nichts war gut genug. Du warst nie ausreichend. Ständig warf sie dir vor, dass es nur um dich gehen würde, nie hatte sie erkannt, welche Opfer du für sie gebracht hast. Dein Schmerz war für mich spürbar, denn ich kannte ihn zu gut.

In den letzten Jahren, hatte auch ich eine solche Beziehung durchlebt. Egal was ich damals tat, ich war schuld an allem. Mein damaliger Partner manipulierte mich, bestrafte mich, belog mich und zeigte mir dauernd auf, wie ungenügend ich bin. Dieses Gefühl hatte mich damals fast zerstört. Ich konnte dich so gut verstehen. Unsere Gespräche entwickelten auf dieser gemeinsamen Basis schnell eine gewisse Tiefe. Und nach ein paar Tagen sah ich dich morgens wieder mit einem Lächeln auf den Lippen herumlaufen.

Wir waren beide verletzt worden

Die letzte gemeinsame Woche in dieser Klink war wunderschön. Jeden Tag hattest du eine neue Idee für eine besondere Unternehmung. Zeigtest mir schöne Orte in der Umgebung, gingst mit mir essen, organisiertest ein Picknick im Wald. Und irgendwann nahmst du meine Hand und hast mich geküsst. Während ich die Tage zuvor noch dachte, wie konnte diese Frau einen so wundervollen, emotionalen und herzlichen Mann nur so schlecht behandeln, wie konnte sie ihm auch nur ansatzweise das antun, was ich mit meinem Ex-Freund erleiden musste, dachte ich nun: Wie kann es sein, dass er jetzt plötzlich mir in die Augen sieht? Dass er jetzt plötzlich mir so guttuende Dinge sagte, dass ich jetzt plötzlich seine Lippen auf meinen spürte? Hatte ich doch immer nur gelernt, dass auch ich nicht ausreichend, nicht gut genug war.

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