Wir sind doch alle emotional gestört

Woher kommt der Eindruck, dass immer mehr Menschen emotional gestört sind, Gefühle nicht zulassen können, sich sogar vor ihnen fürchten … und überträgt sich das übers Internet?

„Knutscht Du gerne?“, so würde man auf der Straße wohl nur in den seltensten Fällen jemanden anschnacken. Als Begrüßung im Internet ist das allerdings legitim. Ich spreche da aus Erfahrung, denn ich wurde bereits so angeschrieben. Was sollte diese Frage? Sie war kreativ, kein Zweifel. Unerwartet. Mein Interesse war geweckt. Auf offener Straße wiederum hätte ich wohl schleunigst die Seite gewechselt.

Wie kommt das? Wieso fühlt sich so eine plumpe, wenn auch kreative Anmache im Internet nicht so schlimm an wie in der Realität? Nun ja, in erster Linie steht man hier unter dem Schutz der Anonymität. Realitätsverzerrende Fotos und beschönte Profilbeschreibungen hin oder her, Ihr Gesprächspartner weiß nichts über Sie. Sie wiederum auch nichts über ihn. Aber das ist okay, so ist das eben beim Dating. Mit dem Unterschied, dass hier der erste Eindruck fehlt. Die Mimik. Die Gestik. Man muss also anders punkten.

Online punktet man provokant und überraschend

Nun muss ich auch dazu sagen, dass ich auf ungewöhnliche Dinge generell sehr gut anspringe, von daher hatte mein Gesprächspartner da eh schon ein leichtes Spiel mit mir. Im Laufe des Gesprächs – es war recht kurz – kam ich dann doch zu dem Entschluss, mich niemals mit dieser Person zu treffen. Mein Ego war Dank diversester Komplimente zu meinen – Dank Photoshop und Feenstaub –realitätsfernen Profilbildern trotzdem gestärkt.

Balsam für die Seele. Genau danach suchen wir auf Dating-Seiten und -Apps. Besonders viel brauchen wir davon nach dem wohl Schlimmsten: dem Ende der Beziehung. „Es liegt nicht an Dir, sondern an mir“, den Satz hat jeder schon einmal gehört. Und wenn es nun doch an mir liegt? Am Boden zerstört, weil wir es nicht kommen sahen, kauern wir in unserer dunklen Ecke und zweifeln an allem und jedem. Besonders an uns selbst. Auf der hoffnungsvollen Suche nach Bestätigung in den unendlichen Weiten des Internets merken wir nach unzähligen Eis-Bottichen, dass wir doch begehrenswert, vielleicht sogar liebenswert, sind.

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